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Nachhaltigkeit beim Abbau von Edelmetallen

Die Erwartungen an Unternehmen, verantwortungsvoll und nachhaltig zu wirtschaften, steigen stetig. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) stellt dies vor große Herausforderungen. Im Interview vom Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte erklärt Thomas Becker, wie er als Inhaber eines Schmuckateliers in Hamburg dafür sorgt, dass Edelmetalle nachhaltig beschafft werden.

AWE: Herr Becker, Sie beschäftigen sich schon seit 1997 mit nachhaltigen Lieferketten. Was hat Sie veranlasst, Strategien in diesem Bereich zu entwickeln? 

Thomas Becker: Ja, das stimmt. Bereits vor der Gründung des Schmuckateliers, um genau zu sein – sogar während meiner Ausbildung, hatte ich mich oft mit den schlechten Arbeitsbedingungen beim Abbau von Edelmetallen und Edelsteinen beschäftigt. Ich war schockiert zu sehen, wie viele Menschenrechtsprobleme, wie beispielsweise Kinderarbeit und Umweltverschmutzung, der Abbau von Rohstoffen mit sich bringen kann. Hinzu kommen gesundheitliche Risiken, die durch die Verschmutzung von Land- und Wasserressourcen entstehen können.  

Die Undurchsichtigkeit und Komplexität der Lieferkette erschwert zudem die Situation.  Oftmals steht der Rohstoffabbau auch in Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten. Die Gewinne finanzieren hier die Fortführung von bewaffneten Auseinandersetzungen verbunden mit all dem Leid, das diese erzeugen. Ich will zu solchen Konflikten auf keinen Fall beitragen. 

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch es verdient hat, gerecht behandelt zu werden und allem vorangestellt, möchte ich nicht der Grund dafür sein, dass Minenarbeiter und Minenarbeiterinnen ebenso wie Kinder in Entwicklungsländern unter schlechten Bedingungen leben, nur damit ich davon profitiere. Daher war mir bereits zu Beginn der Gründung des Schmuckateliers klar: Ich brauche ein Nachhaltigkeitskonzept, das eine faire, soziale und ökologisch verträgliche Materialbeschaffung umfasst. Und genau dieses habe entlang meiner Liefer- und Wertschöpfungskette verankert. 

AWE: Mit nur fünf Mitarbeiterinnen ist ihr Hamburger Schmuckatelier ein kleines Unternehmen. Wie schaffen Sie es als kleiner Betrieb, Sorgfalt in der Lieferkette auszuüben? 

Becker: Als kleines Unternehmen mit nur fünf Beschäftigten steht man vor besonderen Herausforderungen, denn die nachhaltige Materialbeschaffung ist sehr aufwendig und kostet nicht nur viel Geld, sondern auch Zeit. Die nachhaltige Beschaffung nimmt der Rohstoffe ca. 20 % meiner Arbeitszeit in Anspruch.  

Glücklicherweise ist über die Jahre hinweg das Bewusstsein rundum das Thema Nachhaltigkeit, Umwelt und Soziales sowohl bei den Käuferinnen und Käufern als auch in der Öffentlichkeit gestiegen. Ich erinnere mich noch daran, dass es zu Beginn der Gründung meines Schmuckateliers keine formalisierten Kooperationen oder Fair Trade-Initiativen in der Schmuckbranche gab, was die Einschätzung von Risiken sehr erschwerte. 
Die Probleme beim Abbau von Edelmetallen und Edelsteinen sind wie gesagt sehr komplex und verlangen daher auch komplexe Lösungsansätze. Allein das Verbot der Beschäftigung von Frauen und Kindern führt nicht zu einer Verbesserung ihrer Situation, sondern erschwert ihre Situation noch weiter.  

AWE: Das ist ein sehr interessanter Punkt. Wie kommt es dazu und wie könnte man dem entgegenkommen? 

Becker: Frauen und Kinder, die nicht legal in den Mienen arbeiten dürfen, sind meist dennoch auf Arbeit angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Verbot der Beschäftigung drängt sie in informelle und oft noch ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Ich finde mich keinesfalls mit Kinderarbeit ab. Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, sie verschwinde mit einem Verbot. Das wird sie erst, wenn wir die ihr zugrunde liegenden Probleme lösen, allen voran Armut.  

Als Einzelperson ist es natürlich enorm schwierig, solch komplexe Probleme anzugehen. Ohne die Zusammenarbeit mit Organisationen vor Ort ist das nicht möglich. Ich hatte ja angesprochen, dass nicht nur die Probleme, sondern auch die Lieferketten komplex und undurchsichtig sind. Ohne Partner vor Ort kann man kaum Risiken und ihre Ursachen identifizieren, geschweige denn Lösungen umsetzen. Um Frauen zu anderen Formen der Erwerbstätigkeit zu helfen, haben wir beispielsweise Mikrokredite an Frauen vergeben und die Ausbildung zu Näherinnen ermöglicht. Bei der Entwicklung von Lösungsansätzen im Bereich Bergbau muss man auch über den Tellerrand hinaus blicken in andere Bereiche. 

Traumazentrum Kaniola | Thomas Becker mit der Landwirtschaftskooperative zum Erntedank

AWE: Kommen wir noch einmal zu den Bedingungen im Goldabbau. Welche Ansätze verfolgen Sie konkret, um Risiken in der Materialbeschaffung zu adressieren? 

Becker: Zentral für die Identifizierung von Risiken bei der Beschaffung von Edelmetallen ist wie bereits angesprochen der Austausch mit NGOs und Menschenrechtsorganisationen aber auch die Zusammenarbeit mit lokalen Kooperativen.  

2016 ging ich eine Kooperation mit einer Minen-Kooperative der kongolesischen Region Süd-Kivu ein, um sozialverträgliches und umweltschonendes Gold aus einer Mine der Kooperative zu gewinnen. Der vertraglich vereinbarte Kaufpreis mit der Minen-Kooperative für die Goldlieferung liegt 35 % über dem Weltmarkt. Außerdem beinhaltet er Prämien, z.B. für den Verzicht von Chemikalien, verbesserte Arbeitsbedingungen und lokale Infrastrukturmaßnahmen. Zudem unterstützt mich die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)  bei der Formalisierung und Legalisierung von Bergbaukooperativen. 

Um ehrlich zu sein, ist es nicht einfach Kooperationen vor Ort aufzubauen. Es besteht oft großes Misstrauen gegenüber Unternehmen. Umso wichtiger war es, das Vertrauen zu den Menschen vor Ort aufzubauen und Zeit in die Beziehung mit ihnen zu investieren. Ein-bis zwei Mal im Jahr fliege ich selbst dort hin, um mir ein Bild von den Herausforderungen und dem Fortschritt der angestoßenen Maßnahmen zu verschaffen. Vertrauen und Zeit waren für mich der Schlüssel für eine erfolgreiche Kooperation mit den Organisationen vor Ort in der Demokratischen Republik Kongo. 

AWE: Der hohe zeitliche Aufwand und die höheren Abnahmepreise wirken sich sicher auf die Produktionskosten aus. Sind Kundinnen und Kunden denn bereit, einen höheren Preis zu zahlen? 

Becker: Wissen Sie, es steigen nicht nur die Erwartungen seitens der Politik zur Umsetzung der unternehmerischen Sorgfalt – nein, auch Investoren und Investorinnen, Geschäftspartner und Geschäftspartnerinnen sowie Kunden und Kundinnen verlangen heutzutage mehr und mehr nachhaltige Beschaffung. Daher sind die meisten bereit entsprechend mehr für den Schmuck auszugeben. Noch nie haben Kundinnen und Kunden versucht, um den Preis zu feilschen. 

AWE: Vielen Dank für das spannende Gespräch. 

Sie möchten mehr über die Veränderungen hinsichtlich Sorgfaltspflichten erfahren? Dann ist der Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte Ihr Ansprechpartner!  

Ihr Kontakt in der AWE

Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte
Am Weidendamm 1A 
D-10117 Berlin 
+49(0)30590099-430


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