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Das „weiße Gold“: der Abbau von Lithium in Südamerika

Der weltweite Bedarf an Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge ist in den letzten Jahren rasant angestiegen und wächst weiter. Zentraler Bestandteil dieses Wandels hin zur Elektromobilität ist das Leichtmetall Lithium, was unter anderem im sogenannten “Lithiumdreieck” zwischen Argentinien, Chile und Bolivien abgebaut wird. Neben der Hoffnung auf eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den drei Ländern, ist der Abbau auch mit menschenrechtlichen und Umweltrisiken verbunden. Das neue Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz kann Unternehmen dazu verpflichten, derartige CSR-Risiken bei der Rohstoffgewinnung zu identifizieren, zu vermeiden und zu minimieren.

Lithium ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. In Form von Lithium-Ionen-Akkus steckt der Rohstoff nicht nur in unseren Smartphones und Laptops, sondern ist auch zentral beim Bau von Elektrofahrzeugen.

Um die CO2-Emissionen im Verkehrssektor bis 2030 deutlich zu senken, strebt die Bundesregierung eine Zulassung von sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeugen in Deutschland an. Der hierdurch wachsende Bedarf der Automobilindustrie lässt die Nachfrage nach dem Rohstoff Lithium stark ansteigen. Innerhalb der letzten zwei Jahre hat sich der Preis für Lithiumcarbonat verfünfzehnfacht. Aus diesem Grund wird das Alkalimetall international auch als „weißes Gold“ bezeichnet.

Neben dem Erzbergbau in Australien, befinden sich die weltweit größten Lithiumreserven in den Salzebenen des sogenannten „Lithiumdreiecks“ zwischen Chile, Argentinien und Bolivien. Der Rohstoff schlummert hier in unterirdischen Solevorkommen in den Salzebenen „Salar de Uyuni“ in Bolivien, „Salar de Atacama“ in Chile und „Salar de Hombre Muerto“ in Argentinien. Zur Gewinnung des Rohstoffs werden zwei verschiedene Methoden angewandt.

In der Atacama-Wüste wird die Sole durch Bohrlöcher an die Oberfläche gepumpt und auf hintereinander angelegte Evaporationsbecken verteilt. Unter Beigabe von Chemikalien verdunstet das lithiumhaltige Salzwasser anschließend über Monate an der Sonne. Dabei werden unerwünschte Inhalte entfernt und die Lithiumkonzentration auf etwa sechs Prozent erhöht. In Argentinien verwendet ein amerikanisches Unternehmen dagegen das sogenannte „Direct Lithium Extraction“-Verfahren zum Abbau des Rohstoffs. Hierbei wird die Sole direkt in eine Aufbereitungsanlage gepumpt und das Lithium durch chemische Prozesse extrahiert. Bei diesem Verfahren müssen keine künstlichen Verdunstungsbecken angelegt werden und die gereinigte Restsole kann theoretisch wieder in den Untergrund verbracht werden. Bei beiden Abbaumethoden wird die lithiumhaltige Sole anschließend zu festem Lithiumcarbonat weiterverarbeitet und das weiße Pulver an Batteriehersteller auf der ganzen Welt exportiert.

Ökologische und soziale Risiken

Beide Verfahren zum Abbau des Leichtmetalls stehen in Bezug auf Umwelt- und Menschenrechtsrisiken aber auch in der Kritik.

Ökologische Risiken

Das Lithiumdreieck und insbesondere die Atacama-Wüste in Chile gilt als eine der trockensten Regionen der Erde. Einen Hauptkritikpunkt stellt aus diesem Grund der hohe Verbrauch der knappen Ressource Wasser dar, welcher beim Lithiumabbau anfällt.

Aufgrund der geringen Konzentration des Lithiums in der Sole werden große Mengen an Salzwasser an die Oberfläche gepumpt, um dort zu verdunsten. Dabei handelt es sich um hochsalines Wasser, welches weder für Menschen noch für Tiere genutzt werden kann. Kritiker:innen befürchten, dass die Wasserentnahme eine Absenkung des Salzwasserspiegels und ein Nachströmen von Süßwasser nach sich zieht. Im Hinblick auf die Nutzung von Chemikalien kann diese außerdem zur Verunreinigung des Grundwassers am Rand der Salzseen führen.

Laut einer aktuellen Studie der University of Alaska und der University of Massachusetts-Amherst verlaufen die hydrologischen Prozesse in der Region deutlich komplexer und langsamer ab als bisher bekannt. Welche potenziellen Auswirkungen die intensive Wassernutzung auf das sensible Ökosystem der Salzwüsten hat, ist schwierig abzusehen und könnte Jahrzehnte in die Zukunft reichen.

Ebenfalls kritisch gesehen wird der große Flächenverbrauch durch die Verdunstungsbecken, wodurch ebenfalls negative Auswirkungen auf den Wasserkreislauf sowie die Flora und Fauna befürchtet werden.

Da beim „Direct Lithium Extraction“-Verfahren keine Evaporationsbecken nötig sind, fällt die Flächeninanspruchnahme deutlich geringer aus. In der Kritik steht dagegen der erhöhte Süßwasserverbrauch für die chemische Aufbereitung und Reinigung der Anlagen. Laut einer kürzlich veröffentlichten NDR-Recherche soll dieser im Vergleich zur Verdunstungsmethode deutlich höher ausfallen.

In Bezug auf die Restsole gibt das Unternehmen, welches Lithium in Argentinien abbaut, an, dass diese überwiegend und unverändert in den Salar zurückgeführt wird und dem Wasserkreislauf somit erhalten bleibt.

Soziale Risiken

Zusätzlich zu potenziell schädlichen Umweltauswirkungen sind auch die am Rand des Salar lebenden indigenen Gemeinschaften vom Lithiumabbau betroffen. Während ein Teil der lokalen Bevölkerung den Lithium-Bergbau befürwortet und als Chance für bezahlte Arbeitsplätze und wirtschaftliche sowie soziale Entwicklung sieht, befürchten andere, dass der Lithiumabbau ihre ökonomische, soziale und kulturelle Lebensweise maßgeblich negativ beeinflusst.

Ihren Lebensunterhalt verdienen die indigenen Gemeinden insbesondere mit Land- und Viehwirtschaft. In diesem Zusammenhang berichtet die lokale Bevölkerung regelmäßig, dass der Grundwasserspiegel sinkt, Flüsse und Brunnen austrocknen oder verunreinigt werden sowie von Vieh- und Baumsterben. Als Ursachen werden unter anderem die intensive Wassernutzung und der Einsatz von Chemikalien beim Lithiumabbau genannt. Inwiefern sich der Lithiumabbau tatsächlich auf den Wasserhaushalt und das empfindliche Ökosystem der Salzwüsten auswirkt, ist aufgrund der dünnen Daten- und Studienlage allerdings noch nicht ausreichend erforscht.

Durch eine Ausweitung der Lithiumförderung in den nächsten Jahren befürchten die Anwohner:innen zudem den drohenden Verlust ihrer Heimat. Sie sehen ihre ökonomische und kulturelle Existenzgrundlage im Lithiumdreieck bedroht und kritisieren in diesem Zuge auch eine mangelnde Konsultation und Einbindung in die Entscheidungsprozesse. Es kommt immer wieder zu Protestbewegungen und Klagen gegen Lithium-Abbauprojekte in der Region.

Darüber hinaus bemängeln Kritiker:innen die relativ geringe Wertschöpfung, die in den Ländern des Lithiumdreiecks durch den Lithiumbergbau entsteht. Insbesondere im Hinblick auf die möglichen Umwelt- und Menschenrechtsrisiken würde die lokale Bevölkerung nur unzureichend vom Rohstoffabbau profitieren.

In der Tat findet die Weiterverarbeitung des Lithiumcarbonats zu Batterien hauptsächlich in China statt und die Produktion sowie der Absatz von Elektrofahrzeugen vorwiegend in den USA, Asien und Europa. Die größte Wertschöpfung liegt dabei in der Batterieproduktion. Aus diesem Grund wächst in Argentinien, Chile und Bolivien der politische Wunsch nach einem Zusammenschluss zur Kontrolle des Lithium-Exports. Die Länder des Lithiumdreiecks wollen das Lithiumcarbonat nicht nur exportieren, sondern auch eine Produktion bis hin zur Batterie aufbauen. Aufgrund der unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der einzelnen Länder bestehen unter Expert:innen aber Zweifel an der erfolgreichen Umsetzung dieses Vorhabens.

Anwendungsbereich des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes

Angesichts der fehlenden Batterieproduktion im Lithiumdreieck, beziehen die meisten Unternehmen das Lithium nicht direkt aus den drei angrenzenden Ländern. Das im Januar diesen Jahres in Kraft getretene Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz zielt neben der Einhaltung von Sorgfaltspflichten in Bezug auf den eigenen Geschäftsbereich und direkte Lieferanten auch auf mittelbare Zulieferer ab, wenn „substantiierte Kenntnis“ über relevante umweltbezogene oder menschenrechtliche Risiken bei diesen besteht. In Bezug auf Lithium gibt es aktuell bereits umfangreiche Berichterstattung und NGO-Berichte.

Ändern könnte dies zudem die neue EU-Richtlinie zu Nachhaltigkeitspflichten von Unternehmen, die derzeit ausgearbeitet wird. In einem vorläufigen Entwurf der Kommission erstrecken sich die unternehmerischen Sorgfaltspflichten auf die gesamte Wertschöpfungskette und somit auch auf die Rohstoffgewinnung.

Möglichkeiten für einen verantwortungsvollen Umgang mit Lithium

Inwiefern gibt es aber bereits praktische Lösungen, um die ökologischen und sozialen Risiken beim Lithiumabbau zu vermeiden und zu minimieren?

Lithium-Recycling

Es besteht die Möglichkeit, Lithium-Ionen-Batterien zu recyceln und einen Materialkreislauf zu etablieren. Noch spielt das Recycling jedoch keine große Rolle in der Lithiumproduktion, da das Leichtmetall noch nicht auf ausreichende und wirtschaftliche Weise wiederverwertet werden kann. Zurückzuführen ist dies zum einen auf die aktuell geringe Rücklaufmenge gebrauchter Batterien und zum anderen auf die hohen Reinheitsanforderungen an Lithium. Eine weitere Herausforderung stellt der aufwendige Recyclingprozess dar, bei dem das Leichtmetall in mehreren Arbeitsschritten von anderen Komponenten wie Nickel und Kobalt getrennt werden muss.

Entsprechende industrielle Recyclingverfahren für Lithium stehen allerdings bereits zur Verfügung und werden weiterentwickelt. Darüber hinaus arbeitet die EU derzeit an einer Batterie-Verordnung, welche die Verwendung einer Mindestmenge an recyceltem Lithium bei der Neuproduktion von Batterien vorsieht. Durch diese Entwicklungen wird sich die Recyclingquote langfristig weiter erhöhen.

Brancheninitiativen

Aktuell lässt sich der weltweite Bedarf an Lithium nur durch den Bergbau decken. Eine Möglichkeit umweltbezogenen und menschenrechtlichen Risiken des Lithiumabbaus bereits am Ursprung entgegenzuwirken, stellt die Gründung von Brancheninitiativen dar. Ein Beispiel hierfür ist die „Responsible Lithium Partnership”, die verschiedene Branchenunternehmen zusammenbringt und von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) koordiniert wird. Die branchenübergreifende Partnerschaft setzt sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen in Chile ein und zielt darauf ab, den Dialog zwischen den lokalen Interessensgruppen zu fördern und eine gemeinsame Vision für den Salar de Atacama zu erarbeiten. Dies geschieht unter anderem durch die Förderung wissenschaftlicher Untersuchungen, mittels eines gemeinsamen Aktionsplans zur Verbesserung des langfristigen Managements und mit einer Multi-Stakeholder-Plattform, die alle relevanten Akteure im Salar-Wassereinzugsgebiet miteinbezieht.

Als zentraler Bestandteil des Wandels hin zur Elektromobilität verspricht der Abbau von Lithium nicht nur wirtschaftliche und soziale Entwicklung für die Länder des Lithiumdreiecks, die Gewinnung des Leichtmetalls birgt auch Risiken für Mensch und Umwelt. Im Hinblick auf das kürzlich in Kraft getretene Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und die bevorstehende EU-Regulierung können Unternehmen dazu verpflichtet werden, Risiken bei ihren Zulieferern und somit auch bei der Rohstoffgewinnung zu identifizieren, zu vermeiden und zu minimieren. Um eine nachhaltige Beschaffung von Lithium in der gesamten Lieferkette umzusetzen, ist eine Auseinandersetzung mit den vorgelagerten Zulieferern bis hin zum Ursprung des „weißen Golds” notwendig.

Neben Lithium existieren viele weitere kritische Rohstoffe, die mit Risiken für Mensch und Umwelt einhergehen. Wenn auch Sie menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken in Ihrer tieferen Lieferkette untersuchen möchten, nutzen Sie das kostenfreie Online-Tool CSR Risiko-Check. Mit diesem können Unternehmen schnell valide Informationen zu potenziellen CSR-Risiken entlang ihrer Lieferkette erhalten.

Der CSR Risiko-Check wird seit knapp zehn Jahren von MVO Nederland entwickelt. Die deutschsprachige Version wird von UPJ gemeinsam mit MVO sowie dem Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte der Agentur für Wirtschaft & Entwicklung (AWE) umgesetzt. Finanziert wird das Angebot vom niederländischen Außenministerium sowie die deutsche Version aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Autor: Jannik Struss, Projektmanager, UPJ e.V.

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