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Corona: Mit Virtual Reality nachhaltig durch die Krise

Burkhard Dahmen, Vorsitzender der Geschäftsführung der SMS group, Hauptsitz in Düsseldorf

Auch der deutsche Maschinenbau bekommt die Folgen der Corona-Pandemie immer stärker zu spüren: Der Anteil der Unternehmen, deren Betriebsablauf beeinträchtigt ist, stieg innerhalb von zwei Wochen von 60 auf 84 Prozent, wie die zweite Blitzumfrage des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zeigt (Stand 30.3.2020). Die SMS group ist mit ihrer Digitaltochter schon früh neue Wege gegangen und organisiert den Anlagenaufbau nun während der Krise mittels Virtual und Augmented Reality.

Herr Dahmen, SMS gilt als der Hidden Champion im metallurgischen Maschinen- und Anlagenbau. In welchem Ausmaß sind Sie von der Coronakrise betroffen?

Wir sehen bereits heute immense Hürden für die Vertriebstätigkeit aufgrund von Reisebeschränkungen und natürlich auch wegen der Zurückhaltung bei unseren Kunden. Auch die Auftragsabwicklung wird zunehmend durch die Pandemie erschwert. Entsprechend rechnen auch wir – wie die gesamte Branche – für 2020 mit deutlichen Einbußen bei Auftragseingang und Umsatz. Konkrete Schätzungen können wir jedoch noch nicht abgeben. Die Auswirkungen für den Stahl- und Aluminiummarkt werden stark abhängig sein von Ausmaß und Dauer der Krise. Aktuell reagieren unsere Kunden beispielsweise mit Produktionskürzungen –  der Stahl- und Aluminiumbedarf etwa für die Produktion von Autos und Weißer Ware ist ja sehr zurückgegangen.

Inwiefern sind bei der SMS group schon Anpassungen an die neuen Marktbedingungen absehbar?

Die aktuelle Marktlage ist geprägt von großer Planungsunsicherheit. Das gilt für uns genauso wie für unsere Kunden und auch für unsere Lieferanten. Deshalb ist es noch zu früh, strukturelle Anpassungen vorzunehmen oder vorherzusagen.

Wie genau stellt sich denn derzeit (Stand 09.04.2020) die Lage an den Produktionsstandorten Ihrer wichtigen Lieferländer China und Italien dar?

In China beobachten wir erste positive Signale: Unter Berücksichtigung der Möglichkeiten läuft dort die Produktion bei unseren Kunden wieder an. An unseren Standorten in Shanghai, Beijing und Tianjin wurde die Arbeit wieder aufgenommen und unsere Werkstätten sind vollständig einsatzfähig. Auch die Kolleginnen und Kollegen in Wuhan konnten am 1. April an den Standort zurückkehren und fahren den Betrieb nun schrittweise wieder hoch. Unsere drei Betriebe in Italien haben wir gemäß den behördlichen Vorgaben vorübergehend geschlossen. Auch in Indien, wo wir wie in China etwa 1.000 Mitarbeiter haben, sind aus demselben Grund alle Betriebe geschlossen.

Am Standort Tianjin konnte die Arbeit schon wieder aufgenommen werden.

Unter welchen Bedingungen können Sie in den Büros weiterarbeiten?

Wie an unseren anderen Standorten in Europa und weltweit auch, arbeiten wir – in den Bereichen, wo es eben möglich ist – von Zuhause aus weiter. An unseren Standorten in Düsseldorf, Mönchengladbach und Hilchenbach haben wir zum Beispiel von heute auf morgen für 3.000 Mitarbeiter mobiles Arbeiten  ermöglicht, nur noch 20 Prozent der Belegschaft sind damit vor Ort im Büro. Sämtliche Besprechungen, auch die mit Kollegen im Büro nebenan, finden per Video-Konferenz statt. In den Werkstätten und auf den weltweiten Baustellen wird mit Sicherheitsabstand, Schutzkleidung und Schutzmasken gearbeitet.

Und wie sieht es mit den Kollegen aus anderen Ländern an den chinesischen Standorten aus?

Von den chinesischen Behörden wurde ein generelles Ein- und Durchreiseverbot für ausländische Staatsbürger ausgesprochen, sodass unsere internationalen Mitarbeiter vorerst nicht einreisen können. Mitarbeiter vor Ort können jedoch zunehmend wieder die Arbeiten bei unseren Kunden aufnehmen und werden dabei mit digitalen Technologien wie Virtual und Augmented Reality von unseren Spezialisten in Deutschland und Europa unterstützt. Wir haben schon früh mit der Erprobung begonnen: Unsere Ingenieure – die auf die verschiedenen Anlagentypen spezialisiert sind – unterstützen so unsere lokalen Mitarbeiter und unsere Kunden auf den Baustellen vor Ort. Die lokalen Mitarbeiter tragen spezielle Daten-Brillen, womit sie die Bilder live übermitteln. Für den Service und die Wartung nutzen wir diese Technologie schon seit einigen Jahren, nun setzen wir sie auch für den Anlagenaufbau verstärkt ein.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus der teilweisen Wiederaufnahme der internationalen Arbeiten für Ihre Gruppe?

Im Vordergrund steht weiterhin die Gesundheit unserer Mitarbeiter und Geschäftspartner. Entsprechend folgen wir den internationalen behördlichen Anweisungen und orientieren uns zudem an Empfehlungen anerkannter Institutionen, das reicht von Abstandsregelungen über Schutzkleidung bis hin zu rein digitaler Abwicklung der internationalen Geschäftsprozesse und sogar der Abnahme von Großanlagen mittels Virtual Reality. Glücklicherweise waren wir diesbezüglich schon vorher gut aufgestellt.

Viele Betriebe haben bereits ihre Kapazitäten verringert, überwiegend über Arbeitszeitkonten, aber auch durch Kurzarbeit. Sind die Reaktionen der Bundesregierung Ihrer Meinung nach ausreichend?

Um die wirtschaftlichen Folgen bestmöglich abzufedern, verfolgen wir Maßnahmen zur Auslastungssteuerung. Hier geht es insbesondere um den Abbau von Gleitzeitstunden und gezieltes Urlaubs-Management. Bislang haben wir Kurzarbeit nur sehr reduziert eingesetzt, rechnen aber damit, dass wir dieses Instrument nach Ostern womöglich verstärkt anwenden müssen. Die ersten Hilfsmaßnahmen von Bund und Ländern dienen ja der Stabilisierung der Gesamtwirtschaft. Das ist richtig und wichtig. Wir sind sehr häufig international und auch in Entwicklungs- und Schwellenländern wie Indien und Nord- und Südafrika aktiv – und nehmen zur Absicherung der Exportrisiken die Exportförderungsinstrumente der Bundesregierung wie zum Beispiel die Hermes-Garantien in Anspruch. Diese werden gerade in unsicheren Zeiten noch wichtiger und sollten weiter ausgebaut werden.

Die Angestellten der SMS group arbeiten in den Anlagen mit Schutzkleidung und Daten-Brilen.

Die Wirtschaftsentwicklung in China hat großen Einfluss auf die Entwicklung des globalen Stahlmarkts. Welche Auswirkungen erwarten Sie durch das rückläufige Wirtschaftswachstum aufgrund der Corona Krise?

Die Entwicklung des Stahlmarkts ist abhängig von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Je nachdem, ob die Konjunktur mittelfristig eher als V-Kurve, U-Kurve oder L-Form verlaufen wird, dürfte sich der Branchentrend ähnlich entwickeln. Natürlich beschäftigen wir uns mit möglichen Szenarien – und auch mit möglichen EU-Konjunkturprogrammen, neuen Kreditregelungen und verstärkter Inanspruchnahme von Kurzarbeit. Aber auch hier ist es noch zu früh, eine Prognose zu geben.

Eine der wichtigsten Qualitäten des internationalen Stahlhandels ist die schnelle Reaktion auf sich ständig verändernde globale Märkte. Wo sehen Sie aktuell neu entstehende Märkte, neue Produktionsmuster oder Nachfrageveränderungen?

Die Stahlindustrie ist eine sehr dynamische Industrie. Regional sind eigentlich immer gewisse Sonderkonjunkturen zu beobachten. Globale Trends sind in jedem Fall Nachhaltigkeit im Sinne von Reduzierung von CO2 und Energieverbrauch sowie die Steigerung der Unternehmensperformance durch Digitalisierung. Beide Trends treiben wir aktiv voran. Bereits jetzt ist zu sehen, dass etablierte Technologien zur Emissionsreduktion bei unseren Kunden auf zunehmendes Interesse stoßen. Hierzu gehören zum Beispiel Filtersysteme, Energiemanagement, Recyclingtechnologien, aber auch der Elektrolichtbogenofen, der unter anderem das Wiedereinschmelzen von Stahlschrott ermöglicht.

Sie sprechen von „etablierten“ Technologien – welche neuen Entwicklungen sind zu erwarten?

Langfristig ist dann ein Umschwenken auf eine wasserstoffbasierte Roheisenerzeugung notwendig, um insbesondere den CO2-Ausstoß der Industrie nahezu zu vermeiden. Hier rechnen wir auch mit zunehmender Akzeptanz aufgrund des steigenden öffentlichen Drucks, denn durch den wirtschaftlichen Shutdown in der Coronakrise sehen wir ja, wie sauber Luft und Umwelt sein können. Ein staatliches Konjunkturprogramm könnte diese industrielle Revolution hin zu mehr Nachhaltigkeit in der Stahlerzeugung genau jetzt anschieben.

Welche Hilfestellungen erwarten Sie denn von politischen Entscheidungsträgern weltweit, um trotz der aktuellen Corona Krise ein offenes, inklusives und nachhaltiges Handelssystem zu bewahren?

Als internationales Unternehmen mit einer Exportquote von rund 90 Prozent befürworten wir den freien internationalen Handel. Entsprechend sehen wir protektionistische Tendenzen kritisch, auch wenn wir gelegentlich zumindest kurzfristig davon profitieren. Für Einigungen und Kompromisse in diesem Bereich braucht es einen konstruktiven Dialog von Wirtschaft und Politik. Als Weltmarktführer teilen wir bei diesem Thema gerne unsere Eindrücke. Aber, hier ist in erster Linie die Politik gefordert.

Wagen Sie eine Prognose, ob die derzeitigen und ggf. zu erwartenden neuen Entwicklungen eine „neue Normalität“ auf Dauer begründen werden und wie diese erwartungsgemäß aussehen wird?

Wir gehen davon aus, dass sich die regionale Stahl- und Aluminiumproduktion zwar langfristig anders verteilen, jedoch zu der früheren Gesamtkapazität zurückkehren wird. Wertschöpfungsketten und auch die Art unseres Geschäfts werden sich aber nachhaltig ändern, etwa durch den Einsatz von digitalen Medien für die Kommunikation und die remote Anlagenüberwachung via Fernsteuerung und Virtual Reality. Und hier sehe ich auch in der aktuellen Krise eine Chance.

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