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Interview mit BM Dr. Gerd Müller und Norbert Rethmann

Im Gespräch

Wirtschaftliches Engagement mit Moral

In seiner Enzyklika „Laudato si‘“ fordert Papst Franziskus zur Bewahrung der Schöpfung auf. In Rom fand ein Forum über die Bedeutung der Papst-Schrift für Politik und Wirtschaft statt. Zu den Teilnehmern zählten Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und Norbert Rethmann, Mitglied und Ehrenvorsitzender der RETHMANN-Gruppe. Das Familienunternehmen vereint die Bereiche Recycling, Wasser, Lebensmittel und Logistik in eigenständigen Sparten.

AWE: Herr Minister, Herr Rethmann, was hat Sie zur Teilnahme am Forum über die Enzyklika „Laudato si‘“ veranlasst?

Dr. Müller: Auf dem Rückweg von meiner letzten Afrika-Reise hatte ich die Gelegenheit, Papst Franziskus in Rom ein Exemplar meines „Marshallplans mit Afrika“ zu überreichen. Der Marshallplan trägt im Kern die Gedanken der christlichen Soziallehre: die Menschen in den Mittelpunkt stellen, Subsidiarität und Eigenverantwortung fördern und den Schwachen helfen. In der Enzyklika „Laudato si‘“ fordert Papst Franziskus uns alle zudem auf, Verantwortung für die Bewahrung der Umwelt, der Schöpfung zu übernehmen. Der Kampf gegen Armut und gegen Umweltzerstörung gehören bei ihm untrennbar zusammen. Wir in den reichen Ländern haben die Pflicht, denen zu helfen, die nicht die gleichen Chancen haben wie wir. Und wir haben die Pflicht, unsere Umwelt für die nachfolgenden Generationen zu bewahren. Genau das ist auch unser Ansatz in der Entwicklungspolitik.

Rethmann: Ich bin seit vielen Jahren in verschiedenen Funktionen in meiner Kirche aktiv. Daher habe ich mich als Familienunternehmer sehr gefreut, dass der Heilige Vater mit seiner Enzyklika „Laudato si‘" von 2015 zu einem Diskurs zwischen Kirche und Wirtschaft eingeladen hat. Diese Einladung anzunehmen und gemeinsam die in der Enzyklika thematisierten Herausforderungen des Klimawandels und der Rohstoffknappheit anzugehen, war mir ein besonderes Bedürfnis. Unsere Familienunternehmung ist seit vielen Jahren in diesen Geschäftsfeldern engagiert, so dass wir glauben, etwas Sinnvolles beitragen zu können. Aber auch andere Wirtschaftszweige müssen zeigen, dass sie Teil der Lösung sein können und dass die soziale Marktwirtschaft in der Lage ist, auch solche großen Herausforderungen zu meistern.

AWE: Herr Rethmann, Ihre Unternehmensgruppe ist weltweit aktiv, auch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wo sehen Sie als Unternehmer in diesen Ländern Chancen, wo Herausforderungen?

Rethmann: Nur wenn wir die sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländer auf dem Weg zu Wachstum und Beschäftigung mitnehmen, haben wir eine Chance, die Herausforderungen des Klimawandels, der Meeresverschmutzung und der sozialen Ungleichheit anzupacken. Kreislauf- und Wasserwirtschaft, Logistik und Biotechnologie sind die Geschäftsfelder in unserem Familienunternehmen. Sie alle werden weltweit gebraucht und können vielen Ländern Wohlstand und Entwicklung bringen. Voraussetzung dafür ist, dass es in diesen Ländern auch eine moralische und ethische Haltung zu diesen Themen gibt. Über die Technologien in diesen Geschäftsfeldern verfügen wir, aber wir brauchen auch eine Diskussion über die Werte, die zu passenden Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ländern führen, so dass wir Verbesserungen auch umsetzen können und dürfen. Dabei können die Kirchen und Werteträger in den jeweiligen Ländern sehr hilfreich sein. Auf dem Boden von Korruption und Gleichgültigkeit gedeiht keine gute wirtschaftliche Entwicklung.

AWE: Wie sind Ihre Erwartungen an den jeweils anderen: Welche Unterstützung erhoffen sich engagierte Unternehmer von der deutschen Politik und was wünscht sich die Entwicklungspolitik von den Unternehmen?

Rethmann: Deutschland kann nur dann sinnvoll exportieren, wenn die Expertise im Heimatland angewendet wird und vorzeigbar ist. Unser Lippewerk in Lünen ist das größte Zentrum für industrielles Recycling in Europa. Jedes Jahr kommen hunderte internationale Besucher zu uns, um zu sehen, was praktisch geht: Rohstoffgewinnung aus industriellen Abfällen in großtechnischem Format und dadurch gleichzeitig ein riesiger Beitrag zum Klimaschutz. Solche angewandten Beispiele brauchen wir in allen relevanten Sektoren, vor allem im Bereich Wasser. Die Wasserver- und -entsorgung liegt in Deutschland überwiegend in kommunalen Händen. Diese lokale Beschränkung führt dazu, dass dieses Know-how aus Deutschland nur schwer exportiert werden kann - übrigens auch zum Leidwesen der technischen Zulieferanten. Eine Öffnung dieses Marktes für privatwirtschaftliches Engagement wäre ein wichtiger Meilenstein, den Politik umsetzen sollte. Aber auch der Transfer von Know-how aus Entwicklungshilfeprojekten auf privatwirtschaftliches Engagement in Schwellen- und Entwicklungsländern hilft, Anfangsfehler und damit Kosten zu vermeiden. Und schließlich helfen staatliche Bürgschaften zur Risikominimierung und damit zur Beschleunigung von Entwicklung.

Dr. Müller: Ich würde mir wünschen, dass unsere deutschen Unternehmen die Chancen gerade auf unserem Nachbarkontinent Afrika stärker nutzen als bislang. In der Entsorgungsbranche gehört deutsche Technologie zur absoluten Weltspitze, wir haben das Know-how und die Erfahrung, um die uns die ganze Welt beneidet. Entsorgung, Müllrecycling, das sind nicht nur bei uns zukunftsweisende Themen. Die Bevölkerung Afrikas wird sich in den kommenden 30 Jahren verdoppeln – damit wird auch die Frage der Entsorgung zusätzliche Bedeutung erhalten. Oder nehmen Sie Asien: China, Indonesien, Vietnam, Thailand und die Philippinen sind für weit mehr als die Hälfte des Plastikmülls in den Weltmeeren verantwortlich. Gerade dort müssen wir in Müllsammlung und Wiederverwertung investieren. Das sind Märkte und Chancen, die die deutsche Wirtschaft nicht verschlafen sollte!

Rethmann: Hier sind wir schon aktiv! So wollen wir zum Beispiel ein Projekt unseres Verbandes BDE (Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V.) unterstützen, mit dem wir den Eintrag von Kunststoffabfällen in die Weltmeere von den Philippinen aus reduzieren wollen. Dabei muss es ein Zusammenwirken von Überzeugungsarbeit und Bereitstellung von entsprechenden Erfassungs- und Verwertungssystemen geben. Wir glauben, dass das in diesem überwiegend katholischen Land mit Hilfe der Kirche und der Recyclingwirtschaft gelingen kann.

AWE: Was wird das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) für Unternehmen aus der Entsorgungswirtschaft tun, damit noch mehr Firmen diesem Beispiel der RETHMANN-Gruppe folgen?

Dr. Müller: Gemeinsam mit der Bundeskanzlerin und dem Wirtschafts- und Finanzminister habe ich gerade erst ein umfassendes „Entwicklungsinvestitionspaket“ auf den Weg gebracht, das besonders für Mittelständler interessant ist. Wir schließen die bisherige Finanzierungslücke für kleinere Investitionssummen und sichern diese besser ab. Dafür stellen wir einen Fonds mit einer Milliarde Euro zur Verfügung. Über den Fonds hinaus erleichtern wir es Unternehmen, sich gegen Verluste im Exportgeschäft mit Hermes-Bürgschaften abzusichern. Bei Zahlungsausfall müssen die Firmen statt zehn nur noch fünf Prozent der Auftragssumme selbst bezahlen. Wir werden zudem neue Finanzierungsprodukte in lokaler Währung anbieten und eine Sonderinitiative starten, mit der wir neue Ausbildungs- und Jobpartnerschaften gemeinsam mit deutschen und afrikanischen Unternehmen schaffen. Zusätzlich bauen wir unsere Ansprechstrukturen vor Ort aus, etwa an den Auslandshandelskammern. Hier in Deutschland ist die Agentur für Wirtschaft und Entwicklung weiterhin der erste Ansprechpartner, leistet tatkräftige Unterstützung und umfassende Beratung über mögliche Förderungen.

Ich würde mich freuen, wenn viele Unternehmen auch aus der Entsorgungswirtschaft diese Angebote nutzen und sich noch stärker in Entwicklungsländern engagieren.

AWE: Woher rührt Ihr starkes Engagement für das Thema Abfall und Entsorgung?

Dr. Müller: Ich habe in vielen afrikanischen Ländern unseren Plastik-Wohlstandsmüll gesehen, den die Kinder in den Slums unter schwierigsten Gesundheitsbedingungen von den Müllkippen sammeln. Oder die Plastiktüten, die überall in den Sträuchern hängen. All dieses Plastik landet irgendwann in den Ozeanen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass sich der Plastikmüll in den Meeren bis 2050 verzehnfachen wird. Dann wird mehr Plastikmüll als Fisch in unseren Meeren schwimmen. Die Leidtragenden sind vor allem die Menschen in den ärmsten Ländern, die auf den Fischfang angewiesen sind. 800 Millionen Menschen leben am und vom Meer. Wir zerstören ihre Lebensgrundlage. Und deswegen müssen wir beim Thema Plastikmüll viel entschlossener handeln.

Es kann doch nicht sein, dass wir uns die Ressourcen und Rohstoffe möglichst billig aus Afrika holen, in Asien unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen Elektrogeräte bauen und den Schrott dann nach Afrika zurückschicken. Wenn Sie am Rand von Ghanas Hauptstadt Accra auf der größten Elektroschrott-Müllhalde Afrikas stehen, dann vergessen Sie das so schnell nicht: Den giftigen Qualm, wenn Kinder das Plastik von den Kupferkabeln abfackeln. Da kommen täglich Computer, Mikrowellenherde, Kühlschränke und andere Elektrogeräte auch aus Europa und Deutschland an, was eigentlich verboten ist. Die Menschen auf der Kippe leben von unserem Wohlstandsmüll. Ich habe das vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen, es musste etwas passieren. Bei meinem letzten Besuch haben wir eine Werkshalle eingeweiht, in der bis zu 10.000 junge Menschen in professionellem Recycling ausgebildet werden und dann einen Job finden können. Aber wir müssen auch bei uns etwas ändern und unseren eigenen Müll noch viel stärker recyceln, statt ihn um die halbe Welt zu verschiffen. Bei der stofflichen Wiederverwertung ist noch viel Luft nach oben.

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