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„Wirtschaft und Politik setzen hier gemeinsam ein Zeichen“

Bis zu 4.000 Betten, um an Covid-19 erkrankte Patientinnen und Patienten zu behandeln: In Port Elizabeth hat VW Südafrika die bislang einzige Corona-Sonderklinik des gesamten Landes auf den Weg gebracht - mit finanzieller Unterstützung aus dem Covid-19 Response-Sonderprogramm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und operativem Support der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH. Im Interview spricht Thomas Schäfer, Chef der Subsahara-Region und des Standorts Südafrika bei Volkswagen, über die Kooperation vor Ort und gibt einen Einblick in die aktuelle Situation im Land.

Herr Schäfer, Südafrika ist seit Ende März in einem harten Lockdown. Wie ist heute, in der ersten Maiwoche 2020, die Lage bei Ihnen vor Ort?

Schäfer: Natürlich sind wir gerade in einer Ausnahmesituation. Aber wir glauben, dass dieser Lockdown gut und notwendig war, um die Ansteckungsrate niedrig zu halten. Seit dieser Woche werden die Maßnahmen gelockert und die Sorge ist groß, dass die Zahl der Infektionen jetzt stark ansteigt. In Südafrika wäre dieses Szenario besonders kritisch, weil nirgendwo sonst so viele Menschen ein durch HIV, Tuberkulose oder Unterernährung geschwächtes Immunsystem haben. Sollte sich Covid-19 in den Townships ausbreiten, wo die Wohnverhältnisse sehr beengt sind, wäre das ein Riesenproblem.

Wie ist speziell VW von der Pandemiesituation in Südafrika betroffen?

Schäfer: Mit dem Lockdown haben wir die Produktion für sechs Wochen auf null heruntergefahren und sind erst Anfang Mai wieder langsam in den Betrieb gestartet. Wie an anderen Standorten auch beachten wir natürlich alle Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen. Gleichzeitig hoffen wir, dass wir die Zahl der Schichten bald schrittweise hochfahren dürfen. Denn die Fahrzeuge, die wir hier bauen, sind weltweit weiterhin gefragt. Wir müssen wieder anfangen zu arbeiten, auch um angesichts von vereinbarten Lohnfortzahlungen an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Cashflow zu sichern.

Sie müssen in der aktuellen Pandemiesituation nicht nur unternehmerische Entscheidungen treffen – mit VW Südafrika haben Sie sich auch dazu entschieden, die Akteure vor Ort beim Ausbau der medizinischen Infrastruktur zu unterstützen. Wie kam es dazu?

Schäfer: Ich war bis vor kurzem Vorsitzender der Handelskammer in Port Elizabeth. Kurz nach dem Lockdown rief mich mein Nachfolger an und bat mich, zu einem Termin dazuzukommen – die Gesundheitsbehörde bräuchte die Unterstützung der Wirtschaft. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir die Brisanz der Lage vor Ort nicht bewusst: Geht man davon aus, dass sich nach und nach bis zu 60 Prozent der Bevölkerung infizieren, sind das allein in Port Elizabeth eine Million Infizierte. Nimmt man an, dass davon wiederum 15 Prozent medizinische Hilfe und fünf Prozent intensivmedizinische Hilfe benötigen, zu dem Zeitpunkt aber nur 3.000 Betten zur Verfügung standen, wird klar: Wir mussten sofort handeln.

Teamarbeit: Das VW-Projektmanagement hat die Planungen für die Klinik übernommen. In sechs Wochen sollen rund 1.500 Betten bereitstehen.

Wie ging es weiter?

Schäfer: Auf der Suche nach verfügbaren Immobilien kamen wir bald auf unsere sogenannte PE Plant, die VW in den 1980er Jahren gekauft hat. Dort waren zuletzt ein Ersatzteillager und eine Kleinteilfertigung untergebracht, die Ende letzten Jahres nach Kapstadt und Uitenhage umgezogen sind. Das Gebäude stand daher leer. Mit 66.000 Quadratmetern ist es eines der größten Industriegebäude Südafrikas. Zusammen mit unserem Planungsteam, einem auf Krankenhäuser spezialisierten Architektenteam und den lokalen Behörden haben wir uns vor Ort umgeschaut – und das Gebäude ist tatsächlich sehr gut geeignet: Es bietet genug Platz, liegt zentral, lässt sich gut absichern. Da dort viel geschweißt wurde, gibt es zwei riesige Gastanks, die sich zu Sauerstofftanks umrüsten lassen, so dass Patientinnen und Patienten mit Sauerstoff beatmet werden können.

Nun soll aus der PE Plant eine Klinik werden. Wie lange dauerte es, die Pläne zu entwickeln?

Schäfer: Am 8. April waren wir das erste Mal vor Ort, bis zum 17. April hatten wir die Grobplanung. Die erste Kostenrechnung zeigte schnell, dass VW das nicht nebenbei finanzieren kann. Eigentlich waren wir zu einem anderen Thema mit der GIZ im Gespräch, kamen aber schnell auf mögliche Hilfen für die Klinik. Das GIZ-Team in Südafrika stellte dann in der zweiten Aprilhälfte kurzfristig den Kontakt nach Deutschland und zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) her. Dann ging es rasant weiter. Ich war wirklich begeistert, wie kooperativ alle Beteiligten waren und mit welchem Bewusstsein für die Dringlichkeit nach einem Unterstützungsmodell gesucht wurde.

Welche Fragen waren noch offen?

Schäfer: Vor allem die, wie die Klinik in Zukunft betrieben werden kann. Wir von VW können Industriegebäude planen, Prozesse, Projekte und die Versorgung organisieren, aber wir haben keine medizinische Erfahrung. Wir haben daher einen Vertrag mit der Kommune und der Gesundheitsbehörde ausgearbeitet, der die Verantwortlichkeiten festlegt: Wir errichten die Klinik schlüsselfertig, GIZ und BMZ unterstützen bei der Finanzierung, die Partner vor Ort stellen den Betrieb sicher. Noch im April haben alle Beteiligten den Vertrag unterzeichnet, bis hin zum Premierminister der Provinz.

Was bringen Sie als VW Südafrika konkret in die Kooperation ein?

Schäfer: Wir stellen bis Ende März 2021 die Immobilie zur Verfügung, für die es bereits mehrere Interessenten gab. Allein die Miete beläuft sich auf 2 bis 2,5 Millionen Rand im Monat (entspricht ca. 100.000-125.000 Euro). Wir übernehmen die komplette Organisation, die Planung und die Projektleitung. Da fließen sehr viele Stunden an Arbeit rein. Zu Buche schlagen zudem Kosten für Sicherheit, Elektrizität und Wasser. Zusätzlich unterstützen wir bei der Beschaffung von Schutzausrüstung. Unsere Einkäufer haben einen guten Marktüberblick und können einschätzen, ob die Preise, die Qualität und Lieferzeiten angemessen sind. Wenn wir das Projekt übergeben, steht unser Name drauf. Da muss alles mit der sprichwörtlichen deutschen Präzision sitzen.

Zuletzt hat VW Südafrika vor Ort auch an der Herstellung von Beatmungsgeräte gearbeitet. In der Klinik können in Zukunft bis zu 800 Patienten beatmet werden.

Was hat Sie zu diesem Engagement angetrieben?

Schäfer: Wir sind der größte Arbeitgeber in der Region, seit 1951 Teil der Community – und zwar so sehr, dass die meisten Südafrikaner denken, Volkswagen sei ein südafrikanisches Unternehmen. Wir organisieren als Teil unserer Corporate Social Responsibility regulär mehr als 100 Projekte, von HIV-Prävention bis Lese- und Schreibkompetenz, bei denen das gesamte Geld direkt in die Projekte fließt. Unsere Ansprechpartner wissen das und hören uns daher auch zu: Wir wollen der Gesellschaft vor Ort helfen, weil wir Angst um unsere Leute und deren Familien haben.

Wie geht es jetzt weiter?

Schäfer: Wir verfolgen einen Stufenplan. In Stufe eins werden wir rund 1.500 Betten anbieten können, dazu kommen Bereiche wie die Arzneimittelausgabe oder die Wäscherei. Dafür sind mittlerweile die Ausschreibungen veröffentlicht, Anfang nächster Woche starten die Bauarbeiten. In sechs Wochen sind wir dann für die ersten Patientinnen und Patienten bereit. Im Rahmen von zwei Ausbauphasen fahren wir die Kapazität auf bis zu 4.000 Betten hoch. Würden wir alles auf einmal fertigstellen wollen, könnten wir erst später öffnen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass Privatwirtschaft und öffentliche Hand bei Projekten wie diesen eng zusammenarbeiten?

Schäfer: Aus meiner Sicht ist jetzt der Zeitpunkt da, dass Politik und Wirtschaft zusammen etwas bewegen können, nicht nur jeder für sich. GIZ und BMZ haben unsere Initiative sofort begrüßt und in Rekordgeschwindigkeit bearbeitet. Wie wir das Thema dadurch vorantreiben konnten, ist tatsächlich etwas Besonderes – gerade im Ausland und wenn es um öffentliche Finanzierung geht, sind die Prozesse in der Regel ja sehr aufwändig. Ich denke, Wirtschaft und Politik haben hier zusammen ein starkes Zeichen gesetzt.

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Patrick Torka

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