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„Märkte mit großem Klimaschutzpotenzial gibt es in allen Ländern“

Interviewpartnerin Simone Peter

Als Dachverband der Erneuerbare-Energien-Branche in Deutschland bündelt der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) die Interessen von 50 Verbänden, Unternehmen und ihren Beschäftigten aus den Branchen der Wind-, Bio- und Solarenergie sowie der Geothermie und Wasserkraft. Er vertritt auf diese Weise 30.000 Einzelmitglieder, darunter mehr als 5.000 Unternehmen mit rund 316.000 Arbeitsplätzen und rund 6,5 Millionen Anlagenbetreiber:innen. Das Ziel ist 100 Prozent Erneuerbare Energie in den Bereichen Strom, Wärme, Verkehr und Industrie. 

AWE: Welche Aufgaben sehen Sie für Ihren Verband, das Engagement in Entwicklungs- und Schwellenländern betreffend?

Peter: Schwellen- und Entwicklungsländer liegen vornehmlich in Afrika, Asien, Lateinamerika und Südosteuropa, wachsen überproportional stark und haben großes Interesse an Waren, Know-how und Dienstleistungen „Made in Germany“. Nur: Für viele deutsche Unternehmen sind sie völlig unbekanntes Terrain. Um langfristiges Wirtschaftswachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern zu fördern und die dafür notwendigen Investitionen zu bewältigen, ist die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) auf das Engagement der Privatwirtschaft angewiesen. 

Deutsche Unternehmen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien unterstützen mit ihrem Fachwissen und innovativen Lösungen die Entwicklungs- und Schwellenländer bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen – von der Ausbildung und Beschäftigung über die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung bis hin zur ländlichen Elektrifizierung und Armutsbekämpfung. Gleichzeitig können sie auch selbst durch die Erschließung neuer Märkte in Entwicklungs- und Schwellenländern profitieren, denn das Potenzial für Erneuerbare Energien dort ist enorm – die Märkte rücken verstärkt in den Fokus der deutschen Energiebranche. Der BEE engagiert sich in der Entwicklungszusammenarbeit, um zu einer nachhaltigen Energie-Marktentwicklung und -Versorgung in diesen Ländern beizutragen.

AWE: Seit Anfang dieses Jahres ist Herr Ahmad Sandid als Business Scout for Development in der Geschäftsstelle des BEE tätig. Was sind seine Aufgaben? Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Ahmad Sandid und den Mitgliedern Ihres Verbandes?

Peter: Nach einer erfolgreichen langjährigen Kooperation mit dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) und dem Fachverband Biogas (FV Biogas) beteiligt sich der BEE seit Januar 2021 am Business Scouts for Development Programm (BSfD) des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Dort berät Herr Ahmad Sandid den Verband und seine Mitglieder bei deren Engagement in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ziel ist es, die Aktivitäten der Wirtschaft, der Außenwirtschaftsförderung und der Entwicklungszusammenarbeit zu verzahnen. Gelingen soll dies durch eine höhere Beteiligung von deutschen Unternehmen der Erneuerbaren-Energien-Branche an Projekten in Entwicklungs- und Schwellenländern. 

Der Einsatz von Ahmad Sandid als Business Scout beim BEE ermöglicht unseren Mitgliedsverbänden und ihren Mitgliedsunternehmen Zugänge zu dortigen Akteuren – von der Politik bis zu Unternehmen: Er berät zu Kooperationsangeboten, vernetzt die Unternehmen mit potenziellen Geschäftspartnern und ermöglicht den Zugang zu neuen Wachstumsmärkten in Entwicklungsländern. Dies erfolgt z.B. durch Vermittlung von Kontakten zu internationalen und lokalen Netzwerken in Entwicklungs- und Schwellenländern, durch Konzipierung und Umsetzung neuer Initiativen, um die erneuerbare Energiewirtschaft nachhaltiger mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu verzahnen und durch die Bereitstellung von Informationen zu Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit zu Marktpotentialen und Rahmenbedingungen.

Business Scout Ahmad Sandid in Beratungssituation auf einer Messe

AWE: Wie möchte der Dachverband der Erneuerbaren-Branche das Thema Energiewende und Klimaneutralität im Rahmen dieser Zusammenarbeit in den Fokus rücken? 

Peter: Das Ziel der Klimaneutralität ist nur durch den verstärkten Ausbau der Erneuerbaren Energien in allen Sektoren zu erreichen. Deutschland kann durch seine jahrzehntelange Energiewendepolitik, gerade auch nach Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 zeigen, , dass der Strukturwandel hin zu sauberer Energie mehr Chancen als Risiken bietet,  und dass Erneuerbare Energien gleichzeitig inklusiver, günstiger und innovativer sind als fossile Energieträger. In Deutschland wurden hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen, Milliarden Euro in saubere Technologien investiert und immer mehr Kommunen und Regionen mit sauberen Energien sicher versorgt. Gleichzeitig wurden so die Grundlagen für das Erreichen der Klimaschutzziele geschaffen. Jetzt geht es darum, innerhalb der nächsten 2 Jahrzehnte völlig aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas auszusteigen, um das Klimaschutzpotenzial der Erneuerbaren voll zu nutzen.

AWE: Erneuerbare Energien spielen zum Erreichen des 1,5°C Ziels eine sehr wichtige Rolle. In welchen Entwicklungs- und Schwellenländern gibt es Ihrer Erfahrung nach besonders große Potenziale für deutsche Unternehmen aus der Erneuerbare-Energien-Branche? Wie kann das Engagement noch erhöht werden? 

Peter: Märkte mit großem Klimaschutzpotenzial gibt es in allen Ländern, hervorheben möchte ich Mexiko, Chile, Brasilien, Kenia, Nigeria, Ghana, Südafrika, Marokko, Vietnam oder Indien. Hier müssen Unterstützungs- und Finanzierungsmöglichkeiten entwickelt werden, die ein nachhaltiges wirtschaftliches Engagement erleichtern. Dafür muss der Zugang zur Finanzierung von Projekten verbessert werden, gleichzeitig ist die Vermittlung von Kontakten zu internationalen und lokalen Netzwerken in Entwicklungs- und Schwellenländern noch weiter auszubauen. Die Angebote des BMZ sowie das Beratungsangebot der Agentur für Wirtschaft & Entwicklung (AWE) bieten hier bereits einen verbesserten Zugang zur Finanzierung und zu den relevanten Netzwerken.

AWE: Im Moment steht das Thema „Grüner Wasserstoff“ stark im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sehen Sie dort für den Verband und seine Mitglieder besondere Chancen, und wenn ja, identifizieren Sie als Verband Potenziale, um in Entwicklungs- und Schwellenländern aktiv zu werden? 

Peter: Auch wenn die regionale Produktion von ausschließlich grünem Wasserstoff in Deutschland aus Kosten- und Wertschöpfungsründen klar zu priorisieren ist, wird Deutschland seinen Wasserstoff-bedarf nicht allein mit heimischer Produktion abdecken können und daher teilweise auf Importe angewiesen sein. Dafür eignen sich einige Länder aufgrund ihrer geografischen und regulatori-schen Gegebenheiten als potenzielle Partnerländer, bspw. die Länder der MENA Region (Middle East and North Africa).

Wichtig bei der Etablierung eines internationalen Wasserstoffmarkts ist die Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien: Wasserstoff muss aus regenerativen (grünen) Quellen erzeugt und zudem klimaneutral gespeichert und transportiert werden. Außerdem muss die Wasserstoffproduktion im Ausland auf Zusätzlichkeit zum lokalen Erneuerbaren Energiebedarf beruhen, d.h. die Wasserstoffproduktion darf nicht zulasten der Versorgung durch Erneuerbare Energien im Partnerland erfolgen.

AWE: Mit welchen Akteuren arbeiten Sie vor Ort zusammen: mit nationalen oder überregionalen Energie-Verbänden, mit staatlichen Stellen, mit internationalen Organisationen? 

Peter: Dass die Energiewende sich multidimensional darstellt und jeden betrifft, spiegelt sich auch in ihren Akteuren wider. Das Ziel ist daher, mit allen Akteuren zu sprechen; privat, öffentlich, zivil, supranational. 

AWE: Das neue Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in der Lieferkette ist verabschiedet und tritt am 1. Januar 2023 in Kraft. Es ist dann für Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeiter:innen und ab dem 1. Januar 2024 für Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeiter:innen bindend. Welche Möglichkeiten sehen Sie als Verband, Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre Sorgfaltspflichten zu erfüllen?

Peter: Unsere Rolle als Dachverband der Erneuerbaren Branche ist es, durch ein positives Bekenntnis zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten zur unternehmerischen Verantwortung bei der Achtung von Menschenrechten und Nachhaltigkeitsstandards in den eigenen Lieferketten beizutragen. Zudem können wir als BEE zusammen mit Partnern aus unserem nationalen und internationalen Netzwerk den Austausch zu Fragen und Erfahrungen in der Umsetzung des Gesetzes anregen. 

AWE: Der BEE führt internationale Kommunikationsprojekte zu verschiedenen Aspekten der Energiewende durch. Welche Strategie steckt dahinter?

Peter: Hier folgt der BEE dem Prinzip: international, inklusiv, innovativ. Die Energiewende ist national wie international zu organisieren. Diese Internationalität spiegelt sich auch in den BEE-Projekten wider, wie beispielsweise dem jährlichen Berlin Energy Transition Dialogue (BETD) zusammen mit Bundeswirtschaftsministerium und Auswärtigem Amt, bei dem Jahr für Jahr dutzende Stakeholder aus der ganzen Welt ihre Erfahrungen über die Energiewende einbringen.  Gleichzeitig ist die Energiewende ein gesamtgesellschaftliches Projekt, weshalb besonders der Anteil der Frauen erhöht und deren Kompetenzen eingebunden werden muss. Natürlich sind auch die Regionen im Strukturwandel zu berücksichtigen. Auch hier gibt es ja bereits viel Erfahrung, nicht nur in Deutschland. Und schließlich ist die Energiewende innovativ, so treiben Blockchain und Künstliche Intelligenz die Digitalisierung der neuen Energiewelt voran. Kurzum: Es gibt noch viel Aufklärungsbedarf über die unendlichen Chancen der Energiewende, positive Kommunikation und Vernetzung sind dafür ein wichtiger Beitrag.

AWE: Als Präsidentin des BEE und zeitgleich Schirmherrin von Women of New Energies kennen Sie das Genderungleichgewicht des Energiesektors aus erster Hand. Woran liegt es, dass Frauen in der Erneuerbare Energien-Branche nach wie vor rar sind und was muss passieren, damit sich dies ändert?

Peter: Die Erneuerbare-Energien-Branche ist bereits besser aufgestellt als der konventionelle Energiesektor bezüglich Gendergleichheit, trotzdem ist mit nur etwa 32 Prozent im Bereich der Erneuerbaren hier auch noch viel Spielraum nach oben. Dabei ist klar, dass alle Talente und vielfältige Perspektiven gebraucht werden, um die globale Energiewende zu erreichen: Geschlechtervielfalt treibt Innovation voran. Die wichtigsten Maßnahmen zur Förderung von Chancengleichheit sind klare gesetzliche Regelungen zur Parität und Gleichstellung von Frauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – von Frauenquoten bis zur gleichen Bezahlung von Frauen und Männern. Räume für den Austausch zwischen Frauen und Netzwerke unterstützen dies, ersetzen aber keinen politischen Rahmen. Ich bin selbst Schirmherrin der Women of New Energies, darüber hinaus gibt es GWNET, Women in Green Hydrogen, Hypatia, usw. Der BEE hat zudem aktuell eine Kommunikationskampagne zum Empowerment von Frauen im Erneuerbaren-Sektor gestartet, im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH.

Sie haben Fragen zum Thema? Ihr Kontakt beim BEE

Ahmad Sandid 
Business Scout for Development

 

Ihr Kontakt in der AWE

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AWE Branchenexperte Energie

 

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