Der Duft von Minztee und Bergluft. Sanfter Tourismus im hohen Atlas

Wie gelingt nachhaltiger Tourismus? Diese Frage stand im Zentrum der diesjährigen Tourismusmesse ITB in Berlin – und beschäftigt auch Yasemine Zerrad aus Marokko. Im Interview berichtet die 27-Jährige, wie sie mit ihrem Gästehaus im Hohen Atlas regionale Wertschöpfung fördert, Ressourcen schont und gemeinsam mit lokalen Partnern neue Wege für den Tourismus geht.
Redaktion: Frau Zerrad, Urlaubsregionen stehen miteinander in einem harten Wettbewerb. Was ist besonders am marokkanischen Atlasgebirge, warum sollte man unbedingt dorthin fahren?
Yasmine Zerrad: Das Atlasgebirge ist wirklich einzigartig: Es verbindet landschaftliche Schönheit, atemberaubende Aussichten und eine reichhaltige lokale Kultur. In kleinen Dörfern sieht man alte Frauen beim Brotbacken und junge Männer beim gemeinsamen Teetrinken. Die Gastfreundschaft der Menschen ist unglaublich. Besucher können die Herzlichkeit der Menschen unmittelbar erfahren – etwa bei einer Teezeremonie, wenn sie mit ihnen zusammen kochen oder eine Maulesel-Tour machen. Ich arbeite eng mit den Menschen vor Ort zusammen, um unseren Gästen besondere Erlebnisse zu ermöglichen. So können Besucherinnen und Besucher nicht nur die Natur, sondern auch das wirkliche Leben und die Traditionen des Hohen Atlas kennenlernen.
Redaktion: Sie führen ein Gästehaus in der Region. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Yasmine Zerrad: Meine Familie lebt im 300 Kilometer entfernten Casablanca, aber mein Vater liebt Imlil sehr. Darum hat er dort ein Stück Land gekauft und ein Ferienhaus für unsere Familie darauf bauen lassen. Nach meinem Masterabschluss in Versicherungsrecht an der Universität in Casablanca, habe ich das Haus mit der Zustimmung meines Vaters in ein Gästehaus umgebaut, weil ich einen Beruf haben wollte, bei dem ich direkt mit Menschen zu tun habe. Der Umbau war während der Pandemie – und ich habe alles allein organisiert. Seit 2020 führe ich nun die Unterkunft „Aux Lumières du Toubkal“.
Wir müssen verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen

Redaktion: Was macht Ihr Gasthaus nachhaltig?
Yasmine Zerrad: Das Gebäude ist in traditioneller Bauweise aus Stein gebaut. Das bedeutet: Wir nutzen zum einen lokale Materialien und zum anderen sorgt der Stein dafür, dass es im Sommer kühl bleibt und im Winter die Wärme besser gehalten werden kann. Zudem wollen wir die Umwelt schützen, indem wir wiederverwendbare Wasserflaschen nutzen und Wasser aus einem Brunnen beziehen. Das Essen bereiten wir frisch auf Bestellung zu, Buffets gibt es nicht. Langfristig wollen wir auf erneuerbare Energien umsteigen und Solarpaneele installieren, schließlich scheint die Sonne hier fast immer. Leider ist das sehr teuer, aber ich hoffe, dass wir in zwei Jahren soweit sind.
Redaktion: Wie binden Sie die lokale Bevölkerung darüber hinaus ein?
Yasmine Zerrad: Die Rezeptionistin, der Koch, Reinigungskräfte – alle meine Angestellten –sind aus Imlil. Nur der Manager nicht, weil er auch Englisch sprechen muss. Ich kenne inzwischen viele Menschen aus der Umgebung und weiß, wer welche Fähigkeiten hat. Einige backen Brot für mich, andere kochen Obst aus unserem Garten zu Marmelade ein oder backen daraus Kuchen. Meine Haushälterin hat Djellabas, das sind traditionelle marokkanische Gewänder, für meine Mitarbeiterinnen angefertigt. So entsteht ein Netzwerk, von dem alle profitieren.
Redaktion: Warum ist Ihnen nachhaltiger Tourismus wichtig?
Yasmine Zerrad: Wir müssen verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umgehen. In unserer Region ist Wasser knapp, darum habe ich zum Beispiel bewusst auf einen Pool verzichtet. Stattdessen nutzen wir das Wasser für unsere Bäume und Felder, die es dringender benötigen. Außerdem versuche ich, eng mit den Menschen vor Ort zusammenzuarbeiten. Das Erdbeben von 2023 hat mir gezeigt, wie wichtig Zusammenhalt ist – nur gemeinsam konnten wir nach und nach alles wiederaufbauen. Ich habe mit vielen Menschen aus dem Dorf zusammengearbeitet und Material vor Ort gekauft, um lokale Händler zu unterstützen.
Wir konnten Wissen aufbauen und neue Ideen umsetzen dank internationaler Partnerschaften
Redaktion: Wie ging es für Sie nach dem Erdbeben weiter, insbesondere mit dem Wiederaufbau?
Yasmine Zerrad: Ich musste für vier Monate schließen, mehrere Zimmer waren unbewohnbar. Zum Glück hat meine Versicherung einen großen Teil der Schäden übernommen. Durch mein Studium wusste ich, wie wichtig so eine Absicherung ist. Die meisten anderen Gasthaus-Besitzer in Imlil hatten jedoch keine Versicherung abgeschlossen und mussten die Kosten selbst tragen.
Redaktion: Welche Rolle spielen Entwicklungsprojekte und internationale Partnerschaften, um nachhaltigen Tourismus in der Region zu stärken?
Yasmine Zerrad: Sie ermöglichen, Wissen aufzubauen und neue Ideen umzusetzen, von denen ganze Dörfer profitieren. Durch diese Projekte können wir an verschiedenen Programmen und Schulungen teilnehmen – oder zur ITB nach Berlin kommen. Das ist eine riesige Chance für uns und ich bin der GIZ und auch dem marokkanischen Tourismusverband sehr dankbar. Sie spornen uns an, uns so nachhaltig wie möglich aufzustellen und auf dem internationalen Markt zu positionieren. Wir können unsere Erfahrungen austauschen, voneinander lernen und künftig gemeinsam Projekte entwickeln.
AWE bietet Chancen durch nachhaltige Partnerschaften
Nachhaltiger Tourismus trägt entscheidend zur Entwicklung von Ländern im Globalen Süden bei. Die AWE unterstützt Unternehmen aus der Tourismusbranche dabei, verantwortungsvolle Projekte vor Ort umzusetzen und innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln. Durch enge Partnerschaften mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit entstehen starke lokale Wertschöpfungsketten, Ausbildungsinitiativen und nachhaltige Infrastrukturen. Deutsche Reiseunternehmen profitieren dabei nicht nur von neuen Marktchancen und einem vielfältigen Angebot, sondern stärken auch langfristig die Attraktivität und Resilienz ihrer Zielregionen.
Die AWE begleitet hierbei, vermittelt Kontakte zu relevanten Partnern und bietet Beratung für Unternehmen, die nachhaltigen Tourismus in Schwellen- und Entwicklungsländern gemeinsam mit lokalen Akteuren gestalten möchten.
Branchendialog „Tourismus für nachhaltige Entwicklung“
Die AWE setzt sich im Auftrag des BMZ mit der Initiative Branchendialog Tourismus für nachhaltige Entwicklung aktiv dafür ein, den fachlichen und politischen Austausch zu nachhaltigem und verantwortungsvollem Tourismus zu fördern. Im Branchendialog kommen Unternehmen, Verbände, Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaft zusammen, um innovative Ansätze für nachhaltigen Tourismus zu entwickeln und bewährte Praktiken auszutauschen. So leistet die Initiative (der Branchendialog) einen wichtigen Beitrag dazu, Wertschöpfung und Umweltschutz miteinander zu verbinden.
Die GIZ im Atlasgebirge – nachhaltiger Tourismus nach dem Erdbeben 2023
Im September 2023 hat ein verheerendes Erdbeben das marokkanische Atlasgebirge erschüttert und die ohnehin entlegene Region schwer getroffen. Im Auftrag des BMZ hat die GIZ ihre Arbeit in der Region deutlich intensiviert und Angebote für die lokale Bevölkerung entwickelt, um Lebensgrundlagen wiederaufzubauen und Perspektiven zu schaffen. Tourismus war und ist auch heute wieder die wichtigste Einnahmequelle für die lokale Bevölkerung. Hier arbeitet die GIZ eng mit lokalen Partnern, wie dem Tourismusbüro der Region Marrakech-Safi, um nachhaltige und kulturbasierte Tourismusangeboten aufzubauen und auf dem internationalen Markt zu positionieren. Ein Beispiel hierfür ist Yasmine Zerrad, die im Rahmen der Förderung der GIZ, ihre Unterkunft „Aux Lumières du Toubkal“ auf der ITB Berlin 2026 vorstellen konnte.
e-Academy Tourism und Hospitality
Die eAcademy Tourism and Hospitality unterstützt Fachkräfte und Unternehmen dabei, nachhaltigen Tourismus praktisch umzusetzen und internationale Standards zu erfüllen. Das digitale Lernangebot bietet praxisnahe Onlinekurse, Zertifikate und Austauschmöglichkeiten – flexibel, mehrsprachig und kostenlos. So stärkt es die Qualifikation in Tourismus und Gastgewerbe weltweit und trägt zur Entwicklung resilienter, fairer Arbeitsplätze im Tourismussektor bei.
Die GIZ im Atlasgebirge. Nachhaltiger Tourismus nach dem Erdbeben 2023
Im September 2023 hat ein verheerendes Erdbeben das marokkanische Atlasgebirge erschüttert und die ohnehin entlegene Region schwer getroffen. Im Auftrag des BMZ hat die GIZ ihre Arbeit in der Region deutlich intensiviert und Angebote für die lokale Bevölkerung entwickelt, um Lebensgrundlagen wiederaufzubauen und Perspektiven zu schaffen. Tourismus war und ist auch heute wieder die wichtigste Einnahmequelle für die lokale Bevölkerung. Hier arbeitet die GIZ eng mit lokalen Partnern, wie dem Tourismusbüro der Region Marrakech-Safi, um nachhaltige und kulturbasierte Tourismusangeboten aufzubauen und auf dem internationalen Markt zu positionieren. Ein Beispiel hierfür ist Yasmine Zerrad, die im Rahmen der Förderung der GIZ, ihre Unterkunft „Aux Lumières du Toubkal“ auf der ITB Berlin 2026 vorstellen konnte.
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