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„Corona hat die Abhängigkeiten entlang der Lieferketten sichtbar gemacht“

Coronatagebuch, Folge 5: Die Covid-19-Pandemie und ihre Folgen haben den Alltag weltweit auf den Kopf gestellt. Wir haben Partner in unserem Netzwerk gefragt: Wie trifft sie die Krise? Wie reagieren sie darauf? Und wie ändern sich die Perspektiven? Hier erzählt EZ-Scout Mandy Piepke, wie Partnerunternehmen einander unterstützen können – und warum ihr Terminkalender heute doppelt so voll ist wie vor der Krise. 

„Ich bin EZ-Scout beim Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft, kurz IVN. Dieser Verband vertritt rund 100 kleine und mittelständische Unternehmen, die mit natürlichen Rohstoffen und nachhaltigen Herstellungsmethoden arbeiten. Meist sind sie dabei von der Motivation geleitet, Gutes zu tun und im Einklang mit Umwelt und Gesellschaft zu produzieren, die Mitglieder sind also sehr nachhaltig orientiert. Ich berate Unternehmen vor allem dazu, wie sie sich in Entwicklungs- und Schwellenländern engagieren können: Aus diesen Ländern beziehen sie Rohstoffe wie Baumwolle oder Alpakawolle, oft haben sie auch eigene Produktionsstätten. Außerdem berate ich Unternehmen zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte und den IVN zu dessen entwicklungspolitischem Engagement, wir planen zum Beispiel ein Projekt zur Inklusion in indischen Textilfabriken. Grundsätzlich ist mein Alltag von persönlichem Austausch und vielen Gesprächen geprägt. Vor den Kontaktbeschränkungen war ich zum Beispiel oft bei Unternehmen vor Ort und habe über das staatliche Textilsiegel Grüner Knopf informiert. Außerdem führen wir regelmäßig Veranstaltungen und Runde Tische durch.

Rückstau bei den globalen Lieferketten

Durch die Pandemie ist die Textilbranche in Deutschland im März kurzzeitig zum Stillstand gekommen. Gerade bei „Fast Fashion“ wird ja alle paar Wochen eine neue Kollektion ins Geschäft geliefert. Wenn die Nachfrage ins Stocken gerät, staut sich das auch im hinteren Teil der globalen Lieferketten. Teilweise wurden Folgeaufträge storniert, so dass die Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Beschäftigung und ohne Lohn waren. Die International Textile Manufacturers Federation sprach von einem weltweiten Auftragsrückgang von 32 Prozent. Für Standorte wie beispielsweise Bangladesch ist das eine Katastrophe. Auch bei uns im Verband hat sich die mangelnde Nachfrage bemerkbar gemacht. Gerade kleine Unternehmen hatten Existenzangst und wussten nicht, ob sie überhaupt durch die Krise kommen. 

Viele Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit werden durchgeführt, wenn die Konjunktur gut ist und Unternehmen sich engagieren wollen. In der Krise mussten sich viele aber auf aktuelle Herausforderungen konzentrieren und haben ihre Aktivitäten on hold gesetzt. Ich habe in der IVN-Geschäftsstelle zahlreiche Gespräche geführt, um mehr über die Bedarfe der Mitglieder zu erfahren. Herausgestellt hat sich dabei, dass viele Unternehmen sehr enge Lieferbeziehungen haben und genau wissen, wer ihre Lieferanten sind. So konnten sie in der Krise gemeinsam Lösungen entwickeln. 
 

Über die EZ-Scouts

Rund 30 EZ-Scouts sind bundesweit in Wirtschaftsverbänden, Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern und Stiftungsorganisationen im Einsatz: Dort beraten sie Unternehmen fachkundig zu ihren Vorhaben und Investitionen in Entwicklungsländern. Gemeinsam mit der Wirtschaft entwickeln sie zudem konkrete Projektideen. Das EZ-Scout-Programm wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung getragen. Hier erfahren Sie mehr über das Programm. 

Die Terminkalender füllten sich schnell wieder

Wir mussten im März von heute auf morgen komplett umsteuern. Unterstützung musste oft ad hoc erfolgen und sehr schnell auf die Beine gestellt werden. Für jeden Termin, der krisenbedingt ausfiel – darunter Workshopreihen und eine Delegationsreise nach Peru – kamen zwei neue dazu. Wir haben Unternehmen nicht nur direkt unterstützt, sondern auch überlegt, was flächendeckend gebraucht wird und wie wir proaktiv Hilfe anbieten können. So sind verschiedene große Projekte entstanden:

  • Eins der Projekte betrifft Hygieneschulungen für Zulieferer in voraussichtlich zehn Ländern weltweit, die wir gerade vorbereiten, und mit denen wir insgesamt bis zu 500 Textilfabriken erreichen könnten. Dafür arbeiten wir eng mit den Kolleginnen und Kollegen von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und den ExperTS zusammen. Mit den Hygienemaßnahmen können die Produktionsbetriebe ihre Resilienz verbessern – und diese Resilienz ist ein wichtiger Baustein, um sich nachhaltig aufzustellen. 
  • Zweitens planen wir für Anfang 2021 eine virtuelle Messe für afrikanische Produzenten, denen wir so die Möglichkeit bieten, neue Kontakte zu knüpfen. Deutsche Unternehmen, die ihre Lieferketten breiter aufstellen wollen, können hier potenzielle Partner treffen. Das Besondere ist, dass das digitale Format auch denjenigen die Teilnahme erlaubt, die unabhängig von Corona für solche Termine nicht einfach um die halbe Welt reisen können.
     

Unterstützung, um die Resilienz der Lieferanten zu verbessern

Wir haben festgestellt, dass Unternehmen, die transparente Lieferketten und enge, vertrauensvolle Lieferbeziehungen haben, sehr gut mit der Krisensituation klarkommen. Warum? Weil die Partner sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam schauen, wie sie mit dem Absatzrückgang umgehen können. In der Naturtextilbranche sind solche transparenten und engen Lieferbeziehungen auch durch Lieferkettenstandards gegeben. Für die Mitgliedsunternehmen wird es in den kommenden Monaten also weiterhin darum gehen, ihre Lieferanten zu unterstützen und deren Resilienz zu stärken. Als EZ-Scout kann ich hier gut mit den Instrumenten der Entwicklungszusammenarbeit unterstützen. Das neue Matchmaking-Tool leverist.de ist zum Beispiel sehr hilfreich, um breitenwirksam Ad-hoc-Bedarfe zu kommunizieren, etwa wenn ein Unternehmen schnell Stoffe für Masken braucht oder genähte Masken vertreiben möchte.

Langfristig gehe ich davon aus, dass Themen wie Transparenz, Zusammenarbeit mit Lieferanten, soziale und ökologische Kriterien sowie die Resilienz von Lieferketten und Produktionsbetrieben an Bedeutung gewinnen werden. Denn die Krise hat gezeigt, wie die Partner entlang der Lieferkette voneinander abhängig sind – klemmt es bei der Abnahme, wirkt sich das auf alle Glieder der Kette aus, bis hin zu den Näherinnen und Nähern und den Bäuerinnen und Bauern. Umgekehrt gilt dasselbe: Müssen Produktionsbetriebe wegen Corona schließen, kommt keine Ware nach; geht ein Lieferant bankrott, können kurzfristig keine Ersatzprodukte beschafft werden. Gegenseitiges Verständnis, ein vertrauensvolles Miteinander und ein hohes Verantwortungsbewusstsein sind also nicht nur in der Textilbranche enorm wichtig.“
 

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