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SWR-Interview mit Katharina Hermann

Katharina Hermann am Rednerpult

Mit dem Einfluss von Unternehmen steigt auch die Verantwortung Umwelt-und Sozialstandards entlang der Lieferketten einzuhalten. Doch was machen Betriebe, die Zulieferungen aus der ganzen Welt bekommen? Eine von vielen Fragen, die Katharina Herrmann, Leiterin des Helpdesks Wirtschaft und Menschenrechte, im Interview mit SWR Aktuell Global beantwortet.

SWR: Katharina Hermann, Sie leiten den Helpdesk Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung, den es seit dem Herbst 2017 gibt. Wie viele Unternehmen haben denn die Unterstützung des Helpdesks bis jetzt schon in Anspruch genommen?

Hermann: Bisher haben wir etwa 630 Beratungen durchgeführt. Natürlich retten wir mit unserer Arbeit nicht die Welt. Ich glaube aber, dass wir im Laufe der letzten Jahre Schritt für Schritt für mehr Verständnis zu den Themen in den Unternehmen gesorgt haben. Aus ersten Gesprächen ergibt sich dann auch mal eine komplette Begleitung der Veränderungsprozesse. Wir sprechen vertraulich zu sensiblen Themen und können individuelle Lösungsvorschläge machen.
Zusätzlich versuchen wir auch das Angebot zu untermalen durch Workshops, die sehr gut angenommen werden. Das sorgt für ein besseres gegenseitiges Verständnis, gerade wenn es um das Thema Menschenrechte geht.

SWR: Von welcher Größe der Unternehmen sprechen wir denn hier – sind es große, mittelständische oder kleine?

Hermann: Es kommen viele große Unternehmen und große Mittelständler zu uns. Diese haben auch die Ressourcen. Aber wir arbeiten auch sehr gut mit Unternehmen mit unter 250 Beschäftigten zusammen.
Ein Beispiel dazu: Wir haben über einen längeren Zeitraum ein Unternehmen mit 50 Angestellten aus der Landwirtschaft hier in Deutschland dazu beraten haben, wie man menschenrechtliche Standards auch in kleinen Unternehmen integrieren kann. Die Schwerpunkte lagen dabei auf Geschäftsabläufen und Schulungen. Die Herausforderung war wie bei vielen kleineren und mittelständischen Unternehmen, dass ein großer multinationaler Abnehmer sehr hohe Anforderungen an Nachhaltigkeitsstandards hatte, womit das Unternehmen natürlich überfordert war. Dabei konnten wir unterstützen.

SWR: Ich habe schon den Eindruck, dass gerade kleine Unternehmen sagen: „Wir müssen schon so gucken, dass wir unseren Tagesgeschäft auf die Reihe kriegen, jetzt muss ich mich noch damit auseinandersetzen.“ Wie können Sie denn, die überzeugen, dass es trotzdem wichtig ist die Menschenrechte in anderen Ländern und auch die Umwelt im Blick zu haben?“

Hermann: Kleine Unternehmen stehen vor größeren Herausforderungen, das stimmt. Aber Sie sprachen den Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung eingangs an.  Der sieht nicht vor, dass kleine Unternehmen dasselbe leisten müssen wie große denn das ist auch gar nicht möglich.
Gucken wir uns nochmal das Unternehmen mit den 50 Angestellten an: Wenn das Unternehmen eine LKW-Flotte von sechs Fahrzeugen unterhält, die täglich mal kürzere und mal längere Strecken fahren und die Bundesregierung sagt: „Sie brauchen einen Beschwerdemechanismus, an den sich Menschen, die sich durch Ihre Aktivitäten negativ betroffen fühlen, wenden können." Dann muss es für das Unternehmen ausreichend sein, dass auf den LKWs ein Aufkleber ist, der sagt: „Sehen Sie Probleme bei meinem Fahren, dann rufen Sie bitte diese Nummer an“. Von großen Unternehmen würde man deutlich mehr erwarten.

SWR: Aber wenn man einen Zulieferbetrieb am anderen Ende der Welt vielleicht auch in einem Entwicklungs- oder Schwellenland hat, dann ist es doch da relativ schwierig oder gar unmöglich. Wie soll man das denn da angehen?

Hermann: Absolut, das ist definitiv schwieriger und man muss sich auch klar vor Augen führen, dass wenn man in Entwicklungs- oder Schwellenländern unterwegs ist eine 1 zu 1 Umsetzung, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind, nicht von heute auf morgen möglich ist. Das ist illusorisch und das dauert. Es ist ein Prozess und es ist wichtig, dass man weiß: Wenn man angefangen hat, ist man noch nicht am Ende. Es ist ein fortlaufender Prozess.
Die Unternehmen stehen hier vor besonderen Herausforderungen. Dadurch, dass wir auch über das Entwicklungsministerium finanziert sind, haben wir natürlich gute Kenntnisse über die Voraussetzungen in den Ländern und auch gute Kontakte.

SWR: Frau Hermann, es gibt ein Monitoring, das prüft, ob deutsche Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten die Anforderungen des Nationalen Aktionsplans erfüllen. Bei der Zwischenauswertung haben nicht einmal 19 Prozent der Unternehmen die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht erfüllt. Derzeit läuft die abschließende Erhebung. Wie viel sollte sich denn inzwischen in dieser Hinsicht getan haben?

Hermann: In unseren Beratungen sehen wir in diesem Jahr definitiv ein gesteigertes Verständnis der Anforderungen im Vergleich zum letzten Jahr. Bei vielen Unternehmen, mit denen wir im Kontakt sind, kann man sagen, diese Themen sind im Kerngeschäft angekommen. Neben der Nachhaltigkeitsabteilung sprechen wir häufig mit dem Einkauf, der Rechtsabteilung, bei kleineren Unternehmen auch direkt mit der Geschäftsführung.
Wir haben den Eindruck, dass die Unternehmen das Thema sehr ernst nehmen und nur wenige haben bisher gesagt, dass sie keine Lust darauf haben weitere Anforderungen umzusetzen.

SWR: Müssen deutsche Firmen alle diese Dinge tatsächlich angehen oder können sie es auch sein lassen, wenn sie sagen, dass sie keine Lust darauf haben?

Hermann: Zunächst sind der Nationale Aktionsplan und die Anforderungen der Bundesregierung freiwillig umzusetzen. Die Bundesregierung behält sich vor, dass sie gesetzliche Regeln einführen möchte, wenn die Überprüfung dieses Jahr zum Ergebnis führt, dass unter 50 Prozent der Unternehmen die Anforderungen umsetzen. Im nächsten Jahr tritt auch die EU-Verordnung zu Konfliktmineralien in Kraft mit Pflichten für deutsche Unternehmen. Da macht es natürlich Sinn sich auf solche möglichen Entwicklungen vorzubereiten, um auch dafür gewappnet zu sein.
Da steht der Helpdesk natürlich gerne zur Verfügung und dafür sind wir auch da: Unternehmen darüber zu beraten, wie die Anforderungen umsetzbar sind, welche Prozesse schon auf die Anforderungen einzahlen und was noch fehlt. Wir hoffen, dass die Unternehmen auch weiterhin so zahlreich auf uns zukommen.

SWR-Interview vom 30. April 2020 mit Katharina Hermann. Klicken Sie hier um zum Radiointerview zu gelangen.

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