Deutsch-arabisches Mentoring auf Augenhöhe. Unternehmerinnen lernen voneinander

Im Ouissal-Programm arbeiten Unternehmerinnen und Führungskräfte ein Jahr lang an Geschäftsmodellen, beruflichen Zielen und Fragen aus ihrem Arbeitsalltag. Im Oktober endet die aktuelle Runde mit dem Deutsch-Arabischen Frauenforum in Berlin.[KB1.1] Die Erfahrungen einer Mentoringgruppe aus Jordanien und Deutschland zeigen: Wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, werden Geschäftsmodelle präziser und nächste Schritte greifbarer.
Kommunikationsdesignerin Luise Thiem aus Dresden entwickelt Nutzungskonzepte für leerstehende Räume, damit Künstler:innen dort kreative Projekte umsetzen können. Die Unternehmerin beschäftigt eine Frage, die vielen Gründerinnen vertraut sein dürfte: Wie lässt sich ihr Vorhaben so erklären, dass auch potenzielle Finanzierungspartner das Konzept schnell verstehen? Im Rahmen des deutsch-arabischen Mentoringprogramms Ouissal tauscht sie sich dazu in Online-Sitzungen mit ihrer Mentorin Dr. Aghadir Jweihan aus Jordanien und mit Petra Desort, der zweiten Mentee, aus Hamburg aus. Jweihan arbeitet in leitender Funktion am Princess Taghrid Institute und am Königlichen Haschemitischen Hof. Desort ist interkulturelle Trainerin und Expat-Coach. Seit diesem Jahr arbeitet Ouissal erstmals mit sogenannten „Growth Teams“: kleine Gruppen aus zwei bis drei Mentees und einer Mentorin, die über etwa ein Jahr gemeinsam an der betriebswirtschaftlichen Weiterentwicklung und den Führungskompetenzen der Mentees arbeiten. In den Growth Teams bringen alle Beteiligten ihre Expertise, ihre Berufserfahrung und ihr Wissen über die jeweiligen Wirtschaftsumfelder ein. So entsteht gelebte Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Wie Ouissal abläuft
Ouissal bringt Unternehmerinnen und weibliche Führungskräfte aus Deutschland und der MENA-Region für ein Jahr zusammen. Zu den teilnehmenden Ländern gehören Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien und Palästina. Der Jahrgang verbindet Frauen aus zehn Ländern und vielen Branchen: Aus 260 Bewerbungen wurden in einem mehrstufigen Verfahren 45 Teilnehmerinnen ausgewählt.
Die Gruppen arbeiten ein Jahr lang an Businessplänen, Unternehmensstrategien und beruflichen Zielen. Es geht zum Beispiel darum, ein Geschäftsmodell klarer zu fassen, einen Pitch oder ein Finanzierungsgespräch vorzubereiten oder die nächsten Entwicklungsschritte zu planen. Dazu treffen sie sich regelmäßig online und nehmen an Workshops und Trainings teil, etwa zu Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Finanzen und Marketing. Dabei lernen sie nicht nur von der Mentorin, sondern auch voneinander – beide Seiten bringen ihr Wissen ein.
Los ging es für diesen Jahrgang mit drei regionalen Kick-off-Meetings – in Marokko, Jordanien und in Ägypten. Dort lernten die Teilnehmerinnen ihre Growth Teams erstmals persönlich kennen, legten gemeinsame Mentoring-Ziele fest und starteten in die Zusammenarbeit. Begleitend organisierte die EMA in Zusammenarbeit mit deutschen Botschaften und der GIZ in jedem regionalen Zentrum Networking-Empfänge, bei denen die Teilnehmerinnen mit Vertreter:innen aus Privatwirtschaft, öffentlichem Sektor, Zivilgesellschaft und der deutsch-arabischen Wirtschaft ins Gespräch kamen.
Ab März verlagerte sich die Arbeit in den digitalen Raum. Die Growth Teams trafen sich einmal im Monat für 1,5 bis 2 Stunden online und konzentrierten sich auf die Ziele der Mentees. In diesem Jahrgang standen unter anderem LinkedIn, Finanzplanung, KI und digitale Tools, Resilienz, digitale Transformation, Personalwesen sowie Meta Ads und Instagram für Unternehmen auf dem Programm.
Erfahrungen teilen und neue Perspektiven gewinnen
Erfahrene Unternehmerinnen, Geschäftsführerinnen und Führungskräfte können sich als [KB6.1]Mentorinnen bewerben. Sie begleiten ihre Gruppe über das Programmjahr hinweg, teilen Erfahrungen aus Führung und Unternehmensentwicklung und geben den Mentees einen externen Blick auf deren Vorhaben. Dafür treffen sie sich mindestens einmal im Monat online mit der Gruppe und nehmen an einem Kick-off-Meeting sowie am Deutsch-Arabischen Unternehmerinnenforum in Berlin teil. Wer sich als Mentorin bewirbt, unterstützt nicht nur andere Unternehmerinnen, sondern setzt sich mit den eigenen Erfahrungen auseinander, lernt andere Geschäftswelten kennen und erweitert sein berufliches Netzwerk.
Unternehmerinnen mit einem Geschäftsplan und klaren Entwicklungszielen können als Mentees teilnehmen. Sie bringen ihr Vorhaben in die Gruppe ein und arbeiten dort an den Themen, die gerade entscheidend sind – zum Beispiel Positionierung, Finanzierung, Kommunikation oder die nächsten Umsetzungsschritte. Voraussetzung für beide Rollen sind sehr gute Englischkenntnisse, Interesse an interkulturellem Austausch und die Bereitschaft, sich ein Jahr lang verbindlich zu engagieren.
Mehr als Mentoring: ein Programm mit wirtschaftlicher Wirkung
Ouissal hat neben dem individuellen Nutzen eine wirtschaftliche Funktion: In den Growth Teams arbeiten Unternehmerinnen und Führungskräfte aus Deutschland und der MENA-Region über Monate regelmäßig zusammen. Dadurch knüpfen sie nicht nur neue Kontakte, sondern lernen auch Arbeitsweisen, Entscheidungslogiken und Marktbedingungen kennen, die in der jeweiligen Region den Unterschied machen.
Gerade für den Privatsektor in beiden Regionen ist das relevant, weil die Grundlage für spätere Kooperationen gelegt wird. Deutschland braucht verlässliche Wirtschaftspartner und diversifizierte Beziehungen, die auf stabilen Kontakten und Kenntnis der lokalen Rahmenbedingungen beruhen. Für Unternehmen in den Partnerländern ist das ebenso relevant, weil Wachstum oft Zugang zu Know-how, zu Netzwerken und zu Märkten voraussetzt.
Veröffentlicht am


