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"Das Engagement deutscher Unternehmen in Brasilien ist beeindruckend"

Coronatagebuch, Folge 4: Die Covid-19-Pandemie und ihre Folgen haben den Alltag weltweit auf den Kopf gestellt. Wir haben Partner in unserem Netzwerk gefragt: Wie trifft sie die Krise? Wie reagieren sie darauf? Und wie ändern sich die Perspektiven? Hier berichtet Bernd dos Santos Mayer, ExperTS an der AHK Sao Paulo, über die Lage in Brasilien, eine neue Hilfeplattform und Zukunftsthemen, die ihn optimistisch stimmen.

AWE: Herr dos Santos Mayer, Sie sind ExperTS bei der Auslandshandelskammer in Sao Paulo. Was hat vor der Krise Ihren Alltag ausgemacht?

dos Santos Mayer: Die AHK Sao Paulo ist eine der größten deutschen Kammern weltweit. Sao Paulo ist der größte deutsche Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik, hier sind mehr als 900 deutsche Unternehmen ansässig. Insgesamt erwirtschaften deutsche Unternehmen in Brasilien rund zehn Prozent des industriellen Bruttoinlandprodukts. Die AHK hat dadurch einen guten Draht in die Gesellschaft. Meine Aufgabe als ExperTS ist es, Projekte an der Schnittstelle Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit zu betreuen, mein inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf erneuerbaren Energien und Energieeffizienz. Zusammen mit der GIZ Brasilien haben wir zum Beispiel ein Netzwerk Energieeffizienz gegründet, in dem unsere Mitgliedsunternehmen ihre Best-Practice-Cases austauschen und versuchen, in ihren Unternehmen Energieeffizienzprojekte umzusetzen.

AWE: Bevor wir darüber sprechen, was sich durch die Pandemie bei Ihnen verändert hat – können Sie uns einen Einblick in die Lage vor Ort geben?

dos Santos Mayer: Brasilien ist nach den USA das am zweitstärksten von Covid-19 betroffene Land der Welt. Ende Juli werden täglich 30.000 bis 40.000 Neuinfektionen und 1.000 neue Todesfälle gemeldet. Expertenschätzungen gehen davon aus, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht ist und die tatsächlichen Zahlen wegen fehlender Tests um ein Mehrfaches höher sind. In den Lockdown sind wir am 18. März 2020 gegangen. Fast vier Monate später wurden die Maßnahmen in Sao Paulo jetzt zum ersten Mal gelockert, weil die massiv erhöhten Kapazitäten an Intensivbetten gerade nicht voll ausgeschöpft sind. Positiv ist aber, dass die Gesundheitssysteme in den meisten Bundesstaaten der Pandemie bisher standgehalten haben. Und auch nach vier Monaten sind soziale Unruhen, die viele befürchtet hatten, dank Hilfen der brasilianischen Regierung für Bedürftige ausgeblieben. 

AWE: Sind Sie seit März im Homeoffice?

dos Santos Mayer: Genau. Früher bin ich zwei Stunden pro Tag gependelt. Das fällt jetzt weg, ich arbeite nur noch digital, alle unsere Veranstaltungen, Meetings und Sitzungen finden virtuell statt. Gerade in den ersten Monaten gab es so viel zu organisieren und abzustimmen, dass die Arbeitstage trotzdem nicht kürzer waren: Ich habe viele Unternehmen beraten, die sich in der Krise sehr engagiert haben. 

AWE: Wie haben Sie auf Covid-19 reagiert?

dos Santos Mayer: Die AHK hat ziemlich schnell die AHK-Plattform Corona gegründet, ein Matchmaking organisiert von AHK-Mitarbeitern: Mitgliedsunternehmen, die in der Krise mit Wissen, Sach- oder Dienstleistungen helfen wollen, können darüber Organisationen oder Personen finden, die genau diese Hilfe brauchen. Die CEOs von zehn großen Unternehmen wie Siemens, Bayer, BASF oder Bertelsmann und das Landesbüro der GIZ haben die Steuerung der Plattform übernommen. 
 

Was sind eigentlich ExperTS?

Das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) geförderte ExperTS-Programm schlägt die Brücke zwischen Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungspolitik. Umgesetzt wird es von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, den Auslandshandelskammern und Delegationen der Deutschen Wirtschaft. Das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) vermittelt die Expertinnen und Experten. Sie sind beim Arbeitgeber vor Ort angestellt und erhalten über das Programm einen Gehaltszuschuss. Aktuell sind ExperTS in rund 30 Ländern weltweit im Einsatz.

Mehr zum ExperTS-Programm
 

AWE: Was macht die Plattform?

dos Santon Mayer: Die Arbeit fußt auf vier Säulen. Zunächst helfen wir Mitgliedsunternehmen mit all ihren Fragen rund um die Pandemiesituation, etwa zum Arbeitsrecht. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Personalsuche. So brauchte das Deutsche Krankenhaus 450 zusätzliche Pflegekräfte – wir konnten 150 Personen vermitteln. Alle haben ein digitales Onboarding bekommen, weil unser Partner Bertelsmann Expertise im Bereich E-Learning und Pflegeausbildung hat. Die dritte Säule ist „Innovation“. Hier erörtert eine Arbeitsgruppe, wie sich die Coronafolgen im Bundesstaat Sao Paulo gemeinsam mildern lassen. Ein gutes Beispiel: Mercedes, Bosch und Siemens, deren Werke geschlossen sind, haben sich abgestimmt und dann mit ihren 3D-Druckern medizinische Ersatzteile hergestellt. Viertens vermitteln wir Sachspenden an deutsche Einrichtungen in Sao Paulo, zum Beispiel an Kirchengemeinden.

AWE: Was haben Sie während der Arbeit mit der Plattform erlebt?

dos Santos Mayer: Das Engagement der deutschen Unternehmen ist beeindruckend. Viele versorgen an ihren Standorten die Einwohnerinnen und Einwohner mit Lebensmittelpaketen und Desinfektionsmitteln. Eines der Unternehmen hat eine Million Euro für Projekte im Gesundheitsbereich gespendet. Und als der Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo bei einer AHK-Vorstandssitzung direkt nach Spenden fragte, boten viele der CEOs ihre Hilfe an: Ein Unternehmen kann zum Beispiel Beatmungsgeräte warten, ein anderes in seinen Produktionshallen Desinfektionsmittel herstellen. 

AWE: Wie war die Zusammenarbeit mit den Partnern?

dos Santos Mayer: Aus dem Bereich der deutschen Entwicklungszusammenarbeit habe ich eng mit dem GIZ-Landesbüro Brasilien zusammengearbeitet, mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem ExperTS-Programm und gerade im Zusammenhang mit dem develoPPP.de Sonderwettbewerb COVID-19 Response mit den Seniorberatern der Agentur für Wirtschaft & Entwicklung (AWE), Hans-Joachim Hebgen und Peter Ludemann. Die beiden waren rund um die Uhr auf allen Kanälen erreichbar und haben schnell auf Ideen und Projektvorschläge reagiert. Insgesamt wurden alle bestehenden Kontakte in der Krise intensiviert, die Hilfsbereitschaft aller Kolleginnen und Kollegen im Netzwerk war groß. 

AWE: Woran haben Sie zum Beispiel mit der AWE gearbeitet?

dos Santos Mayer: Vor allem haben wir an zwei Projekten erfolgreich zusammengearbeitet: Mercedes hat eine mobile Untersuchungsstation für an Covid-19-Erkrankte entwickelt. Monatlich können damit bis zu 2.000 Tomographien gemacht werden, der Truck kommt dort zum Einsatz, wo Krankenhäuser überlastet sind oder ganz fehlen. Im Rahmen des zweiten Projektansatzes plant ein brasilianisches Unternehmen eine Software zu entwickeln, die Ärztinnen und Ärzten hilft, bessere Entscheidungen bei der Behandlung von Covid-19 Patienten zu treffen.

AWE: Was erwarten Sie für die nächsten Monate?

dos Santos Mayer: Das lässt sich ganz schwer abschätzen. Wir sind aber davon überzeugt, dass Brasilien ein wichtiger Markt für Deutschland bleibt: Hier lässt sich gut produzieren, es gibt einen großen Binnenmarkt und Brasilien hat enorm viele Bodenschätze. Seit 100 Jahren sind deutsche Unternehmen in Brasilien aktiv. Wir gehen davon aus, dass dieses Engagement nicht zurückgehen wird, trotz Covid-19. 

AWE: Was denken Sie, welche Themen Sie in Zukunft vor allem beschäftigen?

dos Santos Mayer: Das Thema Wasserstoff hat für uns immer mehr an Bedeutung gewonnen, und Brasilien hat gute Chancen, beim grünen Wasserstoff zu einem wichtigen Partner Deutschlands zu werden. Außerdem befasse ich mich mit dem Aufbau einer Kreislaufwirtschaft – in Brasilien landet sehr viel Hausmüll auf der Müllhalde, statt recycelt zu werden. Und natürlich arbeite ich trotz Corona weiter an meinen Projekten im Bereich erneuerbare Energien.
 

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