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„Um etwas zu bewegen, braucht es die richtigen Partner.“

Im Gespräch

Zu mobilen Gesundheitsstationen umgebaute Lkw von Mercedes-Benz erfüllen in Brasilien eine wichtige Funktion: Sie bieten Menschen in entlegenen Regionen einen Zugang zu medizinischer Versorgung. Das Projekt wird über das develoPPP-Programm  des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)  gefördert und von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG)  begleitet. Karl Deppen, Präsident von Mercedes-Benz do Brasil  und CEO Lateinamerika, über das Lkw-Projekt, was es so erfolgreich macht und wie es damit weitergeht.

AWE: Beginnen wir mit der aktuellen Lage in Brasilien: Wie blicken Sie auf die Situation?

Karl Deppen: Sie ist ernst, die Pandemie hat das Land sehr hart getroffen. Nach den USA und Indien hat Brasilien mit mehr als 280.000 Verstorbenen die dritthöchste COVID-19-Mortalität der Welt. Es gibt täglich viele Neuinfektionen und das Impfprogramm hat noch nicht das Niveau erreicht, das dem Land tatsächliche Entlastung bringen würde.

AWE: Welche wirtschaftlichen Folgen hat das?

Deppen: Das Bild ist recht gemischt. Das Bruttoinlandsprodukt ist im Jahr 2020 um gut vier Prozent zurückgegangen. Die Vorhersagen gehen zwar für 2021 wieder von etwa vier Prozent Wachstum aus. Aber machen wir uns nichts vor: Die wirtschaftliche Entwicklung, die wir hier seit 2017 erlebt haben, ist wie weggewischt. Brasilien ist wieder auf dem Niveau des Jahres 2016.

AWE: Gilt das für alle Sektoren?

Deppen: Man muss genauer hinschauen. Die Landwirtschaft zum Beispiel hat sich dank Rekordernten und gesunden Weltmarktpreisen sehr positiv entwickelt. Aber der gesamte Handel und der Dienstleistungssektor sind von den verschiedenen Lockdowns stark betroffen.

AWE: Und wie ist es in Ihrem Sektor, der Automobilindustrie?

Deppen: Auch dort machen wir unterschiedliche Beobachtungen. Im Transportsektor sind die Entwicklungen seit dem vierten Quartal 2020 recht positiv. Aber auf den Pkw-Markt zum Beispiel hat die Pandemie auch in Brasilien direkte negative Auswirkungen. Inzwischen machen sich auch die Folgen weltweiter Entwicklungen bemerkbar – vor allem Lieferengpässe und Rohstoffmangel.

Interviewpartner Karl Deppen ist Präsident von Mercedes-Benz do Brasil und CEO Lateinamerika.

AWE: In dieser angespannten Situation hat sich Mercedes-Benz gemeinsam mit verschiedenen Partnern entschieden, aktiv zu werden und hat Trucks zu mobilen Gesundheitsstationen umgebaut. Wie kam es zu diesem Projekt?

Deppen: Ausschlaggebend war das große Bedürfnis unseres Unternehmens, im Kampf gegen die Pandemie zu helfen. In einem so großen Land wie Brasilien haben viele Menschen kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, vor allem in abgelegenen Regionen. Und als die Idee der Gesundheits-Lkw einmal geboren war, haben alle Beteiligten eine enorme Energie mobilisiert.

AWE: Wer gehört dazu?

Deppen: Zu nennen sind hier vor allem die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Das BMZ hat das Projekt über die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, die DEG, finanziell unterstützt. Und natürlich sind auch Hersteller von Medizintechnik beteiligt, die die Lkw mit den notwendigen Geräten ausstatten, sowie Stakeholder des Gesundheitssystems, die sicherstellen, dass regulatorische Anforderungen jederzeit eingehalten werden.

AWE: Das BMZ beteiligt sich mit 4,5 Millionen Euro.

Deppen: Ja, und rund eine Million Euro steuert Mercedes-Benz selbst bei: in Form der Lkw, der Fahrer, des Treibstoffs und der Versicherungen. Nicht zu vergessen die Arbeitszeit aller involvierten Beschäftigten, die in dieses Projekt geflossen ist.

AWE: Der erste umgebaute Truck ging bereits im Frühjahr 2020 an den Start.

Deppen: Ja, diese Einheit war dezidiert für die Unterstützung im Kampf gegen das Coronavirus vorgesehen. Damit ist es uns gelungen, Untersuchungsmethoden wie die Computertomografie für Menschen in entlegenen Regionen verfügbar zu machen. Man darf ja nicht vergessen, dass Brasilien flächenmäßig größer ist als die Europäische Union. In dem Lkw können etwa 1000 Menschen monatlich behandelt werden. 
 

Mithilfe der Truckumbauten konnten Untersuchungsmethoden wie die Computertomografie für Menschen in entlegenen Regionen verfügbar gemacht werden.

AWE: Mercedes-Benz ist seit 65 Jahren in Brasilien aktiv. Inwiefern hat diese lange Präsenz vor Ort das Projekt beeinflusst?

Deppen: Wir sind hier im Land der Technologieführer bei Lkw und Bussen. Als großer Arbeitgeber sehen wir uns in der Verantwortung, uns vor Ort zu engagieren. Im Zuge unserer Nachhaltigkeitsstrategie unterstützen wir viele Initiativen. Aber zu Beginn der Coronavirus-Pandemie lautete für uns die zentrale Frage: Wie können wir unser Know-how bei Technologie und Transport und den Bedarf im Land nach besserer medizinischer Versorgung zusammenbringen?

AWE: Das ist Ihnen mit den Trucks gelungen. Was war ausschlaggebend für den Erfolg?

Deppen: Ganz klar: die Partner, die ihre unterschiedlichen Expertisen einbringen. Niemand kann solch ein komplexes Projekt allein bewerkstelligen. Technisch zum Beispiel mussten wir uns auf Neuland vorwagen. Eine der größten Herausforderungen war es etwa sicherzustellen, dass die medizinischen Geräte jederzeit optimal kalibriert sind. Bei stationären Einrichtungen ist das selbstverständlich, in einem Truck, der lange Distanzen zurücklegt, aber sehr kniffelig. Hier konnten wir zum Glück viel Know-how beisteuern. Auch für die Medizintechnikhersteller war es sehr anspruchsvoll, die sensiblen Geräte für die besonderen Bedingungen im Truck einsatzfähig zu machen. Natürlich war auch das fachliche Know-how von Medizinern sehr wertvoll. Die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten war wirklich einzigartig.

AWE: Gab es weitere Herausforderungen?

Deppen: Im Grunde das gesamte Design des Anhängers, der ja keine reine Transportbox ist. Es brauchte auch zum Beispiel Vorrichtungen zur Temperaturkontrolle, ebenso mussten Stromversorgung und Leitungen für Wasser, Sauerstoff und andere Medien eingerichtet werden. Und natürlich sind bei solch komplexen Projekten auch das Management und die Kommunikation immer anspruchsvoll. Aber wir haben schnell den Erfolg gesehen und mit dem Angebot bereits einige Tausend Menschen erreicht.

AWE: Und nun wollen Sie das Projekt ausweiten.

Deppen: Ja, dank der Unterstützung durch das BMZ und die DEG gehen sukzessive weitere sieben Einheiten an den Start. Es geht dabei aber um mehr als eine rein geografische Ausweitung, denn die Gesundheitstrucks sollen über COVID-19 hinaus auch bei anderen medizinischen Problemen helfen und zum Beispiel allgemeine Untersuchungen, Augenheilkunde, MRT-Aufnahmen und kleinere Operationen durchführen. Das kommt dann auch den vielen Fernfahrern im Land zugute.
 

Ein umgebauter LKW von Mercedes Benz in Brasilien.

AWE: Inwiefern?

Deppen: In Brasilien gibt es viele Lkw-Fahrer, denn 60 Prozent des gesamten Transports werden per Lastwagen organisiert. Die Fahrer sind praktisch ständig unterwegs und haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. Auch diese Gruppe wollen wir mit dem Projekt erreichen.

AWE: Das Projekt ist zunächst befristet bis zum Jahr 2024.

Deppen: Ja, das entspricht dem ursprünglichen Plan. Dann wollen wir evaluieren, was das Projekt gebracht hat, ob es sinnvoll ist, weiterzumachen. Aber nach dem guten Start sehe ich keinen Grund, warum es nicht weitergehen sollte.

AWE: Sie kooperieren bei dem Projekt als privates Unternehmen mit dem öffentlichen Sektor. Welche Vorteile hat diese Kombination?

Deppen: Wir brauchen zum Beispiel die Unterstützung des BMZ und die entsprechenden Ressourcen, die über die DEG einfließen. Schließlich hat die Pandemie ja auch uns selbst hart getroffen. Außerdem ist es meiner Meinung nach wichtig, dass viele unterschiedliche Fähigkeiten in ein solches Projekt einfließen. Wie gesagt: Die Bereitschaft und der Ehrgeiz, das Projekt zu unterstützen, war und ist bei allen Beteiligten enorm.

AWE: Ließen sich vergleichbare Initiativen auch in anderen Ländern oder auf anderen Kontinenten umsetzen? Wenn wir zum Beispiel an Afrika denken, wo ja medizinische Versorgung vielerorts kaum verfügbar ist.

Deppen: Denkbar ist das grundsätzlich, weil die zugrundeliegende Idee ganz einfach ist: Ein Lkw bringt medizinische Versorgung zu Menschen, die in entlegenen Regionen wohnen und keinen oder schlechten Zugang zu Ärzten dazu haben. Allerdings ist die Umsetzung oft komplizierter, was nicht nur an technischen Fragen liegt, sondern auch an der jeweils unterschiedlichen Regulatorik der Gesundheitssysteme. Natürlich muss auch die Infrastruktur stimmen, es braucht – ganz trivial – ein gut ausgebautes Straßennetz. Das Wichtigste ist aber noch etwas anderes.

AWE: Woran denken Sie?

Deppen: Um vergleichbare Projekte zu verwirklichen, die wirklich etwas bewegen, braucht es die richtige Initiative, die richtigen Partner und den richtigen Teamgeist. Genau das haben alle Projektpartner eindrucksvoll bewiesen. Dass wir auf diese Weise hier in Brasilien innerhalb kurzer Zeit schon so viel bewegen konnten, freut uns sehr.

COVID-19 Sonderwettbewerb

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert derzeit noch gezielt unternehmerische Initiativen zur Abmilderung der unmittelbaren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Interessierte Unternehmen können Projektvorschläge im Bereich COVID-19 Response noch bis zum 31.3.2021 bei der DEG – Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft oder der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mbH einreichen.

Weitere Informationen zur Bewerbung sowie alle Bewerbungskriterien für Unternehmen finden Sie auf der develoPPP-Webseite.

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