Rohstoffpartnerschaften wappnen Mittelstand für Krisen

Globale Handelskonflikte, geopolitische Spannungen und der Wettbewerb um kritische Rohstoffe zwingen besonders mittelständische Unternehmen, neue Lieferantenpartner zu finden. Entwicklungsökonom Prof. Dr. Axel Dreher erklärt, warum Rohstoffpartnerschaften im Globalen Süden strategisch künftig noch entscheidender werden – und wie Mittelständler sie erfolgreich aufbauen können.
Redaktion: Herr Prof. Dr. Dreher, welche in Deutschland besonders wichtigen Branchen sind von Rohstoffengpässen am stärksten betroffen?
Axel Dreher: Besonders abhängig von importierten Rohstoffen sind die Schlüsselbranchen der Energiewende: Elektromobilität und Batterieproduktion brauchen Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit. Windkraft und Elektronik hängen von Seltenen Erden, Germanium und Magnesium ab. Der Maschinenbau wiederum ist auf Materialien wie Wolfram und Kupfer angewiesen.
Redaktion: China hat sich diese Rohstoffe früh gesichert. Welche Handlungsspielräume bleiben Deutschland?
Dreher: China hat seine Position auf den globalen Rohstoffmärkten mit seinen staatsnahen Unternehmen über viele Jahre konsequent ausgebaut und kontrolliert einen großen Teil der Weiterverarbeitung. Deutschland ist marktwirtschaftlich geprägt, daher liegt die Initiative bei den Unternehmen. Doch die haben lange auf den funktionierenden globalen Handel vertraut – ebenso wie die Politik. Resilienz entsteht aber nicht erst im Krisenmanagement, sondern in der Vorausschau. Jetzt zeigt sich, dass sich solche Strukturen nicht kurzfristig korrigieren lassen: Neue Minen oder Raffinerien entstehen nicht über Nacht und ohne Finanzierung. Der Staat kann den Rahmen für solche Investitionen setzen, etwa über Exportkreditgarantien, internationale Handelsabkommen, den Aufbau strategischer Rohstoffreserven oder Ausfallbürgschaften. An diesem politischen Willen fehlte es bislang jedoch oft.
Redaktion: Viele Unternehmen sind in der Vergangenheit daran gescheitert, ihre Lieferketten widerstandsfähiger aufzustellen. Warum?
Dreher: Weil Unternehmen ihre Prozesse über Jahrzehnte stärker auf Effizienz und Kostenminderung statt auf robuste Abläufe ausgerichtet haben. Just-in-time galt als Standard, Lagerhaltung als Verschwendung. Erschwerend kommt hinzu, dass Deutschland sich zu sehr auf wenige Partner wie Russland oder China verlassen hat. Das rächt sich jetzt.
Redaktion: Wie sehen resiliente Partnerschaften und Lieferketten für mittelständische Unternehmen konkret aus?
Dreher: Im Kern geht es darum, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten, Materialien oder Standorten zu kennen und zu reduzieren – das ist der beste Schutz gegen die nächste Krise. Der erste Schritt ist Transparenz: Unternehmen müssen wissen, woher ihre Materialien stammen, und zwar bis zur Rohstoffquelle. Der zweite Schritt ist Diversifizierung: Es geht nicht nur darum, mehrere Lieferanten zu haben, Unternehmen müssen auch darauf achten, dass diese aus unterschiedlichen Regionen kommen – und das bei jedem einzelnen Verarbeitungsschritt. Außerdem sollten sie wissen, an welchen Stellen kritische Engpässe entstehen können. Lagerhaltung und Zugang zu alternativen Materialien sind hier zentrale Bausteine. Außerdem spielen langfristige Lieferverträge zunehmend eine strategische Rolle. Sie binden Unternehmen zwar auch dann, wenn die Nachfrage zurückgeht – ohne vertragliche Zusagen werden bei Engpässen aber in der Regel zuerst große Abnehmer beliefert.
„Es geht nicht um günstige Rohstoffe, sondern gemeinsame Wertschöpfung.“
Redaktion: Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine tragfähige Partnerschaft zwischen Unternehmen und Akteuren im Globalen Süden aus?
Dreher: Unternehmen dürfen diese Partnerschaften nicht auf den Einkauf günstiger Rohstoffe reduzieren. Sie sollten auf gemeinsame Wertschöpfung und langfristigen Nutzen für beide Seiten abzielen. Davon profitieren sowohl Unternehmen, weil sie ihre Versorgung absichern, als auch Partnerländer, weil sie Planungssicherheit, Finanzierungsmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven gewinnen – etwa durch Ausbildung, Wissenstransfer oder Beteiligung an Infrastrukturprojekten. Erfolgreiche Partnerschaften entstehen am besten über kleine Pilotprojekte, in denen sich Qualität und Zusammenarbeit testen lassen.
Redaktion: Gibt es besonders geeignete Partnerländer für den Aufbau strategischer Rohstoffreserven?
Dreher: Das hängt zum einen von den benötigten Rohstoffen ab, zum anderen sind Faktoren vor Ort wie politische Stabilität, Rechtssicherheit, Energieversorgung und Infrastruktur entscheidend. Ein erfolgreiches Beispiel in den Bereichen Seltene Erden und Wasserstoff ist etwa die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Namibia. Auch Chile, Indonesien oder Brasilien sind für Partnerschaften interessant.
Redaktion: Wie können Unternehmen soziale und ökologische Verantwortung in Partnerschaften umsetzen?
Dreher: Das ist aus ökonomischer Sicht ein Spannungsfeld. Hohe Standards verursachen Kosten und können kurzfristig Wettbewerbsnachteile bedeuten. Die Politik sollte daher gezielt fördern, wenn Unternehmen nachhaltig produzieren. Kinder- und Zwangsarbeit sind selbstverständlich inakzeptabel – trotzdem ist es wichtig, lokale Realitäten anzuerkennen. Entwicklung geschieht schrittweise: Wenn Wirtschaft und Produktion wachsen, entstehen mehr Beschäftigung und höhere Einkommen – und damit die finanziellen und institutionellen Möglichkeiten, Arbeitsstandards, Umweltauflagen und Bildung zu verbessern. Langfristig zahlen sich verantwortungsvolle Partnerschaften aus – sie schaffen Reputation, Marktstabilität und bessere Finanzierungsmöglichkeiten. Wer nachhaltige Lieferketten nachweisen kann, hat zudem Vorteile bei Banken und Kunden.
Zur Person
Prof. Dr. Axel Dreher ist Professor für Internationale Entwicklungsökonomik an der Universität Heidelberg. Er forscht zu globaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Entwicklungsstrategien und den ökonomischen Wechselwirkungen zwischen Industrieländern und dem Globalen Süden.
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