Die Harmonisierung von Normen ist ein echter Wachstumstreiber

Vor jedem Markteintritt ins Ausland wartet eine Hürde: die technische Zulassung. Das Chemnitzer Unternehmen Alpha Consulting hilft Anlagenbauern und Herstellern von industriellem Equipment, diese Hürde zu meistern und begleitet sie in globale Märkte. Im Interview erklärt Geschäftsführer Dr. Thomas Krause, wie internationale Normen helfen, Industrien in Entwicklungs- und Schwellenländern aufzubauen.
Redaktion: Herr Dr. Thomas Krause, Ihr Unternehmen ist auf technische Compliance spezialisiert. Wer beauftragt Sie?
Thomas Krause: Wir beraten Anlagenbauer und Hersteller – hauptsächlich aus der Öl- und Gasindustrie, der Energie- und LNG-Branche und dem Infrastruktursektor – wenn sie Märkte im Ausland erschließen wollen und ihre Technik dafür zulassen müssen. Jedes Land hat eigene Normen und Standards: Daher benötigt jeder, der global agiert, lokales Wissen. Wir erklären die Anforderungen aus der Ausschreibung, übernehmen das Third-Party Approval Management – prüfen also anhand verschiedener Kriterien, ob sich ein externer Geschäftspartner für die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eignet –, passen Zertifikate an und bleiben bis zur Inbetriebnahme an der Seite der Kunden. Wir arbeiten weltweit – unter anderem in Usbekistan, Kasachstan, China, Korea, Malaysia, Indonesien, Ägypten und Algerien.
Ich vergleiche uns gerne mit dem Zahnarzt: Wenn man Termine zu lange aufschiebt, wird es schmerzhaft und teuer. Bei Großprojekten machen technische Regularien und Zertifizierungen bis zu 15 Prozent der Gesamtkosten aus, jede Verzögerung geht enorm ins Geld.
Redaktion: Oft heißt es, Zulassungen sollen unbürokratischer werden. Was ist Ihre Erfahrung: Nehmen die Anforderungen an Konformität weltweit eher zu oder ab?
Krause: Politiker und Behörden sprechen häufig davon, dass sie Normen harmonisieren wollen. Aus Erfahrung weiß ich: Meist wird es eher komplizierter. Idealerweise würden alle Länder Prüfungen gegenseitig anerkennen – gerade für exportorientierte Mittelständler und Unternehmen aus Entwicklungsländern wäre das ein großer Vorteil. In der Realität passiert das aber kaum. Im Gegenteil: Unterschiedliche Vorgaben und Sonderwege sorgen für handfeste Handelshemmnisse.
Redaktion: Welche Auswirkungen hat das auf deutsche Mittelständler?
Krause: Einige Länder verlieren für deutsche KMU deutlich an Reiz. Kasachstan ist ein gutes Beispiel: Der Markteintritt ist dort für viele Firmen schwierig, weil sie ihre Technik nur mit großem Aufwand und hohen Kosten auf den Markt bringen können. Eine gute Möglichkeit für Mittelständler, dennoch in Entwicklungs- und Schwellenländer zu gehen, ist es, sich mit großen Unternehmen wie Thyssenkrupp, Linde oder Siemens Energy zusammenzuschließen und von deren Know-how zu profitieren.
Wir reagieren darauf, indem wir mit dem Alpha Compliance Hub mehr Struktur und Automatisierung in den Zertifizierungsprozess bringen. Auf dieser KI-gestützten Plattform können Unternehmen ihre Dokumente hochladen, sie automatisch für bestimmte Länder klassifizieren lassen und aktuelle Informationen zu relevanten Standards abrufen. So behalten sie trotz wachsender Anforderungen den Überblick.
Redaktion: Gibt es Entwicklungsregionen, in die Unternehmen derzeit besonders häufig gehen?
Krause: Im Moment zieht es viele europäische Hersteller nach Zentralasien. Dort boomen Öl-, Gas- und Energieprojekte. Hinzu kommen große Vorhaben in der Goldförderung. Internationale Entwicklungsbanken und verschiedene Förderprogramme stellen dafür erhebliche Mittel bereit. Gleichzeitig wächst in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern der Bedarf an grundlegender Industrieausrüstung wie Mühlen, Pumpen und Motoren für die Wasser- und Energieversorgung oder Equipment für Raffinerien.
Redaktion: Welchen konkreten Nutzen hat Ihre Arbeit in diesen Ländern?
Krause: In Usbekistan haben wir zum Beispiel die Zulassung und Inbetriebnahme eines großen Werks für einen privaten Rohrhersteller begleitet. Ein zweites Werk befindet sich im Aufbau. Damit kann Usbekistan Rohre für die eigene Versorgung selbst produzieren, statt sie teuer aus dem Ausland zu importieren.
Auch bei der Energieversorgung helfen wir: Für Energietechnologieunternehmen wie Everllence, Siemens Energy oder Doosan Škoda Power entwickeln wir Zulassungskonzepte für Gas- und Dampfkraftwerke, damit Regionen mit instabiler Stromversorgung zuverlässig Energie erhalten.
Redaktion: Sie treiben auch selbst Harmonisierungen voran. Warum ist das so wichtig?
Krause: Bleiben wir bei Usbekistan: Das Land wächst stark und braucht viel Energie. Die Regierung will schnell Anlagen nach internationalen Standards bauen und braucht dafür hochwertige europäische Ausrüstung – diese muss nach klaren Qualitätsstandards zugelassen werden. 2019 und 2020 haben wir deshalb gemeinsam mit der GIZ Projekte in Usbekistan und Kirgistan betreut. Zum Beispiel haben wir Konzepte zur Harmonisierung der technischen Regelwerke entwickelt und lokale Inspekteure für internationale Prüfungen geschult.
Die Länder Zentralasiens gewinnen für die deutsche Wirtschaft und als Handelspartner an Bedeutung. Umso wichtiger ist es, internationale Standards sinnvoll in die nationalen Systeme zu integrieren. Am Ende entsteht eine Win-win-Situation: Deutsche und andere Hersteller können ihre Maschinen schneller und einfacher liefern und lokale Unternehmen bauen Exportchancen auf. Die Harmonisierung von Normen ist ein echter Wachstumstreiber.
Redaktion: Wie ermutigen Sie Unternehmen, die über den Einstieg in ein Entwicklungsland nachdenken?
Krause: Ich habe bislang in 76 Ländern gearbeitet und meine Erfahrung ist: Geschäftschancen gibt es überall – auch für kleine Unternehmen. Deutschland bietet zudem viele Fördermaßnahmen, die den Einstieg erleichtern. Die Basis aber sind drei Dinge: Man muss Menschen mögen. Man darf keine Angst haben und man darf nicht alles glauben, was man im Internet liest. Man sollte ins Land reisen, offen auf die Menschen zugehen und sich gegebenenfalls einen Partner vor Ort suchen. Dann ist die Hälfte des Wegs zum Erfolg schon geschafft.
Redaktion: Welchen Mehrwert schafft das Engagement deutscher Unternehmen in Entwicklungsländern auf beiden Seiten?
Krause: Großprojekte in Entwicklungsländern verbessern die Versorgungssicherheit und schaffen Arbeitsplätze. Gut laufende Projekte zahlen zudem auf das Image eines Staates ein und locken weitere Investoren an. Für beteiligte deutsche Unternehmen bedeutet das, dass sie sich zu vergleichsweise günstigen Konditionen im Markt etablieren, frühzeitig Kunden- und Lieferantenbeziehungen aufbauen und sich so einen nachhaltigen Wettbewerbsvorsprung sichern können.
Der wichtigste Mehrwert ist der Service: Deutsche Unternehmen liefern nicht nur Industrieanlagen, sie bieten auch Nachbetreuung, Wartung und Schulungen. Dadurch entstehen stabile, langfristige Kundenbeziehungen und zusätzliche Umsatzpotenziale durch Folgeaufträge und Serviceleistungen. Zudem hat Deutschland starke Kompetenzen im Bereich IT und Automatisierung. In vielen Entwicklungsländern funktioniert Strom- und Internetinfrastruktur besser als man denkt, aber es fehlt an qualifizierten Fachkräften. Durch automatisierte Lösungen können deutsche Firmen diese Lücke schließen.
Zur Person
Als Geschäftsführer von Alpha Consulting dreht sich bei Dr. Thomas Krause alles um Normen und Standards. Seine Tätigkeit führte ihn bereits in mehr als 70 Länder. Gemeinsam mit seinem Team stellt er sicher, dass Unternehmen ihre Produkte und Anlagen weltweit sicher und regelkonform vertreiben können. Darüber hinaus engagiert sich Dr. Krause im Bereich RegTech und treibt mit dem firmeneigenen Alpha Compliance Hub den Einsatz von KI in der Zertifizierung voran.
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