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Neuer CAMEXA-Kurs klärt über geschlechtsspezifische Gewalt am Arbeitsplatz auf

Eine Frau steht mit dem Rücken zur Kamera und hält einen Vortrag vor einigen Personen.

Die AHK Mexiko und die Agentur für Wirtschaft & Entwicklung (AWE) haben einen Pilotkurs zur Prävention von Gewalt gegen Frauen in Unternehmen entwickelt. Teilnehmerin Martha Ruiz berichtet im Interview, wie der Kurs ihren Blick für normalisierte Gewaltmuster geschärft hat und warum er ein erster Ansatzpunkt für tiefgehende Veränderungen in Unternehmen sein kann.

Redaktion: Frau Ruiz, Sie arbeiten seit vielen Jahren im Automobilsektor und engagieren sich im Verband der Hersteller, Importeure und Händler von Autoteilen in Mexiko (ARIDRA) für die Stärkung von Frauen. Was ist Ihre Rolle dort?

Ruiz: Im Verband ARIDRA sind rund 200 Unternehmen organisiert, der Großteil der Mitglieder ist männlich. Deshalb haben wir vor vier Jahren einen Frauenausschuss gegründet, den ich mit aufgebaut habe. Unser Ziel ist es, Frauen in Unternehmen sichtbar zu machen und sie dabei zu unterstützen, Führungs- und Entscheidungspositionen zu erreichen. So bin ich mit der Deutsch‑mexikanischen Industrie- und Handelskammer in Kontakt gekommen. Als die Kammer den Pilotkurs „Prävention von Gewalt gegen Frauen in Unternehmen“ angeboten hat, war für mich klar: Ich möchte teilnehmen und die Inhalte in unsere Verbandsarbeit hineintragen.

Redaktion: Was motiviert Sie dazu, sich für die Stärkung von Frauenrechten in Unternehmen stark zu machen?

Ruiz: Ich bin mit sehr traditionellen Geschlechterrollen aufgewachsen, wie sie in vielen lateinamerikanischen Ländern verbreitet sind. Mein Vater wollte zum Beispiel, dass ich klassische Frauenaufgaben wie nähen und kochen lerne. Ich habe gelernt, dass das Wichtigste im Leben darin bestand, Mutter zu sein, ein schönes Zuhause, zwei Kinder und einen Hund oder eine Katze zu haben. Man brachte mir bei, immer für andere da zu sein und nachzugeben. Mit der Zeit, insbesondere als ich gesundheitliche Probleme bekam, wurde mir klar, dass ich selbst über mein Leben bestimmen wollte und dass viele der Werte, mit denen ich aufgewachsen war, beeinflusst hatten, wie ich persönliche Entscheidungen traf.

Redaktion: Wie zeigen sich die von Ihnen angesprochenen traditionellen Geschlechterrollen in Ihrer Branche?

Ruiz: Der Automobilmarkt ist traditionell von Männern dominiert. Frauen arbeiten hier in der Regel in weniger zentralen Bereichen wie Lager, Verwaltung oder Assistenz. Außerdem sind viele Unternehmen kleine Familienbetriebe ohne echte Personalabteilung. Beschwerden landen dann direkt beim Inhaber, und es ist schwierig, sich mit einer Struktur auseinanderzusetzen, die subtile Gewalt nicht als Problem erkennt. Auch in der zweiten Generation werden dann oft die Söhne Geschäftsführer – und Töchter in Marketing oder HR geschoben. In solchen Strukturen über Gewalt oder Gleichstellung zu sprechen, löst schnell Abwehr aus. Probleme werden kleingeredet. Deshalb halte ich den Kurs für wichtig: Er schafft Bewusstsein und gibt uns Argumente und Werkzeuge an die Hand, um Verantwortung von Unternehmen einzufordern.

Redaktion: Welche Inhalte des Kurses sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Ruiz: Das wichtigste Learning war für mich, zu erkennen, welche Formen Gewalt annehmen kann. Vieles wird im Alltag verharmlost – „der hatte nur einen schlechten Tag“ oder „der macht halt immer solche Kommentare“. Ein zentrales Werkzeug wie das im Kurs vorgestellte „Violentómetro“ hilft dabei, die verschiedenen Formen und Eskalationsstufen von Gewalt sichtbar zu machen – sogar jene, die wir gewöhnlich als unwichtige Nebensächlichkeiten ansehen. Plötzlich merkt man: Das ist nicht harmlos, das ist Gewalt. Im Kurs ist mir auch klar geworden: Wenn wir die Ursachen struktureller Diskriminierung nicht angehen, drehen wir uns im Kreis.  

Redaktion: Wie konnten Sie die Inhalte aus dem Kurs in Ihrer Arbeit im Frauenausschuss von ARIDRA einbringen?

Ruiz: Der Kurs hat mir die Werkzeuge gegeben, um Frauen nicht nur zu fördern, sondern Gewalt sichtbar zu machen und ihr vorzubeugen – ohne dass uns die Unternehmen die Tür vor der Nase zuschlagen. Dabei haben mir vor allem die praktischen Hinweise der Kursleiterin geholfen, wie man das Thema in Unternehmen anspricht, ohne sofort auf Abwehr zu stoßen. Denn wenn ich mit dem ersten Wort schon Widerstand auslöse, komme ich gar nicht bis zu den Inhalten, die mir wichtig sind. In meinem Fall ist das besonders bedeutend, weil ich nicht nur ein Unternehmen, sondern mehrere Unternehmen in einem Verband überzeugen muss, das Thema ernsthaft anzugehen.

Redaktion: Was braucht es als nächsten Schritt, um die Inhalte aus dem Kurs umzusetzen?

Ruiz: Man geht aus dem Kurs heraus mit viel Wissen, vielen Unterlagen und guten Vorsätzen. Aber wenn man dann versucht, etwas im eigenen Umfeld umzusetzen, tauchen Situationen auf, die im Kurs nicht vorkamen. Daher wäre ein Follow‑up oder Coaching ideal, um solche Fälle zu besprechen.

Redaktion: Warum lohnt es sich an dem Kurs teilzunehmen?

Ruiz: Von solchen Angeboten profitieren am Ende nicht nur die Frauen, sondern die gesamte Organisation. Wer Gewalt und respektlose Strukturen ignoriert, riskiert Fluktuation, Konflikte und Reputationsschäden – und verliert Leistungsträgerinnen, die eigentlich gern bleiben würden, aber unter den Bedingungen nicht mehr können. Der Kurs hilft, genauer hinzuschauen. Und es lohnt sich, teilzunehmen, auch wenn es unbequem erscheint – für uns selbst, für unsere Kolleginnen und Kollegen und auch für die Unternehmen, die respektvollere, sicherere und inklusivere Arbeitsumgebungen schaffen wollen.

Zur Person

Portraitfoto von Martha Ruiz
Martha Ruiz

Martha Ruiz arbeitet seit rund 25 Jahren im Automobilsektor und vertritt internationale Zuliefermarken auf dem mexikanischen Markt. In dem traditionell männlich geprägten Umfeld hat sie im Verband ARIDRA den Frauenausschuss mit aufgebaut, der Frauen vernetzt und in Führungsrollen stärkt.

Kurs: Prävention von Gewalt gegen Frauen in Unternehmen

Der Kurs „Prävention von Gewalt gegen Frauen in Unternehmen“ entwickelt in einem Projekt von der AHK Mexiko und AWE und durchgeführt von der deutsch-mexikanischen Außenhandelskammer (CAMEXA) ist ein mehrteiliger Online-Kurs, der aus Live-Sessions und einer Lernplattform besteht. Er vermittelt Teilnehmenden Grundlagen zu geschlechtsspezifischer Gewalt und zeigt, wie Unternehmen Prävention und Beschwerdemechanismen verankern können. Auf Basis der Pilotphase soll das Angebot weiterentwickelt und als regulärer Kurs ausgebaut werden. Unternehmen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, senken Fluktuation und Konfliktkosten, stärken ihre Arbeitgeberattraktivität und sichern in Zeiten des Fachkräftemangels qualifiziertes Personal.

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