Syrien. Die Stimmung ist hoffnungsvoll. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Vor dem Bürgerkrieg gehörten Deutschland und weitere EU-Länder zu den wichtigsten Handelspartnern Syriens. Der Wiederaufbau des Landes nach dem Sturz des Assad-Regimes eröffnet nun erneut Chancen für deutsche Unternehmen. Matthias Weber ist mit seiner Spedition in Syrien aktiv – und hat als Repräsentant des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) kürzlich ein Büro in Damaskus eröffnet. Er weiß, worauf Mittelständler achten sollten, damit der Markeintritt erfolgreich verläuft
Redaktion: Herr Weber, der BVMW hat im Juli vergangenen Jahres ein Büro in Damaskus eröffnet. Welche Ziele verfolgt der Verband mit der Präsenz vor Ort?
Matthias Weber: Nach der Revolution und dem Regimewechsel in Damaskus hat der Verband mich Ende 2024 angesprochen – maßgeblich wegen meiner Erfahrungen in der Region: Mit unserer Spedition sind wir in der West Bank und im Gazastreifen, im Jemen, im Irak, im Südsudan und in Libyen unterwegs. Der BVMW wünschte sich eine Kontaktperson vor Ort, um Unternehmen aus Deutschland und Europa zu unterstützen, die in Syrien investieren wollen. Mein Kollege Samer Haj Yacoub ist dauerhaft vor Ort, ich selbst etwa einmal im Monat. Wir helfen von der Kontaktanbahnung über die Registrierung und Kontoeröffnung bis hin zur praktischen Begleitung im Alltag.
Redaktion: Wie viele deutsche Unternehmen sind denn schon im Land aktiv?
Matthias Weber: Aktuell sind es etwa 30 Firmen, Laborausrüstungslieferanten, Medizin- und Labortechnikhersteller, Reinigungsgerätehersteller und natürlich meine Spedition MG International. Diverse Firmen bewegen sich schon auf dem syrischen Markt und machen dort Geschäfte.
Redaktion: Warum ist Syrien für Ihre Spedition ausgerechnet jetzt so interessant?
Matthias Weber: Weil das in unsere Strategie passt: Wir helfen Ländern, die aus einer strukturschwachen Phase kommen, wieder auf die Beine. Das haben wir auch im Irak, im Jemen und in Palästina so gemacht – und das werden wir auch in Gaza angehen.
Persönlich fühle ich mich sicher

Redaktion: Warum ist Syrien interessant für deutsche Unternehmen?
Matthias Weber: Es fehlt praktisch an allem, dadurch bieten sich für unterschiedliche Branchen die Möglichkeit, hier einzusteigen. Zum Beispiel sind Ausbildungsmöglichkeiten, Know-how beim Aufbau von Unternehmensstrukturen und Management dringend gefragt. Viele grundlegende Funktionen – vom Rechnungswesen bis zur Aufgabenverteilung im Betrieb – müssen neu aufgebaut und organisiert werden.
Redaktion: Wie ist denn inzwischen die Lage in puncto Sicherheit in Syrien?
Matthias Weber: Wer zum ersten Mal dorthin fährt, sollte sich unbedingt von ortskundigen Personen begleiten lassen. Auch dafür sind wir Ansprechpartner und helfen gerne weiter. Man muss sich etwas auskennen, um zu wissen, wo man sich sicher bewegen kann und sich auch darüber klar sein, dass es Militär-Checkpoints auf den Straßen gibt. Persönlich fühle ich mich dort sicher, aber ich bin auch seit 30 Jahren beruflich im Mittleren Osten unterwegs und seit sechs Jahren vor Ort. In Damaskus nehme ich zum Beispiel immer ein Taxi und fühle mich dort im Grunde sicher wie in Berlin.
Redaktion: Und was sind die größten praktischen Hürden für Unternehmen, die vor Ort aktiv werden wollen?
Matthias Weber: Die Bürokratie. Die Registrierung ist immer damit verbunden, dass man, wenn man nicht ewig warten will, einen syrischen Investor braucht. Den muss man erst einmal finden – dabei können wir den deutschen Unternehmen helfen. Zudem braucht es zahlreiche Unterlagen aus Deutschland wie Bilanzen der letzten fünf Jahre, Handelsregister- und IHK-Zertifikate sowie Businesspläne – alles ins Arabische übersetzt und beglaubigt. Der Prozess dauert häufig ein halbes Jahr, manchmal ein ganzes. Für viele Formalitäten sollte am besten jemand regelmäßig vor Ort sein.
Redaktion: Und was ist mit praktischen Dingen wie Geldtransfer und Internetzugang?
Matthias Weber: Das Internet funktioniert einwandfrei. Geldtransfers sind über die Nachbarstaaten – Libanon, Jordanien, Irak, Dubai und Türkei mit Abstrichen – möglich. Direkte Zahlungen nach Europa oder auch nach China und in die USA sind aktuell schwierig. Europäische Banken arbeiten daran, dass sich das ändert.
Das größte Potential liegt im Tourismus und in der Argrarwirtschaft
Redaktion: In welchen Branchen sehen Sie das größte Potenzial?
Matthias Weber: Am besten eignen sich tatsächlich der Tourismus und der Agrarbereich.
Redaktion: An den Tourismus würde man nicht als erstes denken. Warum ist das Potential hier so groß?
Matthias Weber: Weil Syrien reich an Geschichte ist und von Kultur über das Meer bis zu beeindruckender Natur alles zu bieten hat. Es ist der größere Libanon, sage ich immer. Historisch ist es ähnlich wie der Irak – oder vielleicht sogar noch etwas interessanter. Und die Infrastruktur wird bereits aufgebaut: Hotels, Verkehrswege, ein funktionierender Flughafen – all das ist vorhanden. Auch die Grenzen zu Nachbarländern wie Jordanien, Türkei, Libanon sind offen. Die Ein- und Ausreise funktioniert also. Und die Stimmung vor Ort ist hoffnungsvoll.
Redaktion: Inwieweit sehen Sie Chancen für deutsche Unternehmen, sich gemeinsam mit lokalen Partnern an Projekten zu beteiligen, die die Entwicklung vor Ort fördern?
Matthias Weber: Erste erfolgreiche Partnerschaften zeigen, dass sich vielversprechende Chancen eröffnen. Vor Ort gibt es inzwischen eine Reihe von Beispielen, darunter bekannte Namen. Weitere wollen bald in den syrischen Markt einsteigen. Diese Entwicklungen zeigen: Es gibt in Syrien gerade einfach unendlich viele Möglichkeiten.
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