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Wiederaufbau Syrien: Jetzt Kontakte knüpfen, später durchstarten

Porträt von Staatssekretär Niels Annen

Nach Jahren des Konflikts beginnt in Syrien der wirtschaftliche Wiederaufbau. Im September reiste Niels Annen, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), mit einer Wirtschaftsdelegation nach Damaskus, um Partner vor Ort kennenzulernen und Chancen für deutsche Unternehmen ausfindig zu machen. Im Interview erläutert er, warum Unternehmen jetzt Kontakte in Syrien aufbauen sollten und wie internationale Zusammenarbeit den Markteinstieg unterstützen kann.

Herr Annen, Sie waren am 2. und 3. September mit einer Wirtschaftsdelegation in Syrien. Was nehmen Sie von der Reise mit?

Annen: Die Aufbruchstimmung und der Wille zum Wiederaufbau im Land sind groß. Das zu sehen, war  für mich sehr inspirierend. Zugleich ist der Bedarf für den Wiederaufbau enorm. Dabei geht es um weit mehr als um zerstörte Gebäude und Straßen: Menschen und Unternehmen vor Ort brauchen eine verlässliche Energie- und Wasserversorgung, funktionierende Logistik, Gesundheitsversorgung und Verwaltung. Deutsche Firmen können in diesem Umfeld mit Technologie, Know-how und langfristigen Partnerschaften einen wichtigen Beitrag leisten. Damit aus diesen ersten Anknüpfungspunkten langfristige Partnerschaften werden, müssen wir wirtschaftliche Kooperation, außenwirtschaftliche Förderung und Entwicklungszusammenarbeit von Anfang an zusammendenken.

Wo sehen Sie konkrete Chancen für deutsche Unternehmen?

Annen: Der Wiederaufbau von Wasserinfrastruktur und Abwassersystemen ist entscheidend. Bei der Wiederherstellung von Straßen und Gebäuden geht es um Baustoffe, Gebäudetechnik, Verkehrs- und Logistiksysteme. Ein weiteres interessantes Feld ist die Kreislaufwirtschaft. Maßgabe ist, die beim Wiederaufbau anfallenden Bau- und Abbruchmaterialien sicher zu behandeln und möglichst zu recyceln. Weitere Potenziale liegen in der Gesundheitswirtschaft, der Agrar- und Lebensmittelverarbeitung, der Digitalisierung und in der beruflichen Bildung, weil der Wiederaufbau ohne qualifizierte Fachkräfte nicht gelingen wird.

Syrien bleibt trotz dieser Chancen ein schwieriger Markt. Wie sollten Unternehmen die Risiken einordnen?

Annen: Unternehmen brauchen Verlässlichkeit – rechtlich, politisch und wirtschaftlich. Dazu gehören transparente Rahmenbedingungen, Schutz von Eigentum und Investitionen, funktionierende Zahlungswege und nachvollziehbare Vergabeverfahren. Hinzu kommen Fragen von Compliance, Achtung der Menschenrechte sowie Umwelt- und Sozialstandards. Die weitgehende Aufhebung wirtschaftlicher EU-Sanktionen hat Spielräume geöffnet, aber in der Praxis bleiben erhebliche Herausforderungen, etwa im Finanzsektor.

Jedes Vorhaben braucht deshalb eine sorgfältige Risiko‑ und Sanktionsprüfung. Lokale Partner sind dafür zentral: syrische Unternehmen, Kammern, und die syrische Diaspora in Deutschland, die beide Märkte kennt. Das heißt Deutschland ist hier gerade im Vergleich zu anderen Ländern in einer herausragenden Position. Diese Chancen- diesen Wettbewerbsvorteil- gilt es jetzt zu nutzen.

Was kann internationale Zusammenarbeit leisten, damit aus erstem Interesse tragfähige Projekte werden?

Annen: Internationale Zusammenarbeit kann dort ansetzen, wo Unternehmen noch zu hohe Risiken sehen: beim Aufbau von Strukturen, bei der Fachkräfteentwicklung, bei institutionellen Rahmenbedingungen oder der Vorbereitung von Projekten. Ein Einstieg kann etwa ein Pilotprojekt sein, das Technologie, Ausbildung und lokale Zusammenarbeit verbindet. So zum Beispiel dezentrale Solarenergie für Krankenhäuser, Wasseraufbereitung, Recycling von Bau- und Abbruchmaterial oder Ausbildungskooperationen im Maschinenbau.

Wenn sich ein Projekt wirtschaftlich bewährt und Wirkung vor Ort entfaltet, kann es von Unternehmen ausgeweitet werden. Wichtig ist ein niedrigschwelliges Unterstützungsangebot. Das bietet die AWE mit ihrem Infodesk Syrien. Schließlich sollten Unternehmen nicht fünf verschiedene Anlaufstellen suchen müssen, sondern schnell erkennen, wo sie Beratung, Finanzierung und Netzwerke erhalten.

Woher soll das Geld für den Wiederaufbau kommen? Welche Rolle spielen dabei Ausschreibungen und Entwicklungsbanken?

Annen: Die Weltbank schätzt die Wiederaufbaukosten beschädigter Gebäude und Infrastruktur auf rund 216 Milliarden US‑Dollar, etwa das Zehnfache des aktuellen syrischen Bruttoinlandsprodukts.  Allein die Wiederherstellung von Wohnraum wird auf 75 Milliarden Dollar geschätzt. Klar ist, das lässt sich nicht aus einem einzelnen Topf finanzieren. Wir brauchen einen Finanzierungsmix aus öffentlichen Mitteln, Programmen von internationalen Gebern, EU‑ und Entwicklungsbanken sowie privaten Investitionen. Multilaterale Ausschreibungen eröffnen Geschäftschancen - über Beratungsleistungen bis hin zu Infrastruktur- und Konsortialprojekten.

Wie genau kann das in der Praxis aussehen?

Annen: Ein wichtiges Instrument sind Early Market Engagements. Noch bevor eine Ausschreibung veröffentlicht wird, können Unternehmen ihre Technologien vorstellen und Projektideen mitentwickeln. Das ist gerade für innovative Lösungen wichtig, die bei einer rein preisorientierten Vergabe sonst oft hintenanstehen. Damit Betriebskosten, Lebensdauer und langfristige Leistungsfähigkeit angemessen berücksichtigt werden, müssen diese Kriterien früh in die Vergabestrategie einfließen. Daran arbeiten wir als BMZ politisch mit.

Was raten Sie mittelständischen Unternehmen, die Kontakte zu Syrien aufbauen möchten?

Annen: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich mit Syrien zu beschäftigen, denn der Wiederaufbau wird viele Jahre dauern.  Informieren Sie sich über den Markt, bauen Sie über Messen oder Veranstaltungen Kontakte zu möglichen Partnern auf, oder nutzen Sie auch die gut qualifizierte syrische Diaspora bei uns für die Anbahnung von Geschäftskontakten in Syrien. Der InfoDesk Syrien in der AWE vereinfacht ebenfalls die Kontaktanbahnung.

Wer heute vertrauensvolle Beziehungen aufbaut, Rahmenbedingungen und Finanzierungslogiken versteht und erste Pilotprojekte prüft, kann direkt handeln, sobald konkrete Projekte entstehen. Am Ende geht es darum, dass daraus dauerhafte wirtschaftliche Partnerschaften und gemeinsame Wertschöpfung entstehen, nicht nur kurzfristige Wiederaufbauhilfe.

Geschäftsfelder und Einstiegswege für deutsche Unternehmen

Besonders relevante Sektoren:

  • Energie und Netze
  • Wasser und Abwasser
  • Bau und Infrastruktur
  • Kreislaufwirtschaft und Recycling
  • Maschinen- und Anlagenbau
  • Gesundheitswirtschaft
  • Agrar- und Lebensmittelwirtschaft
  • Logistik
  • Digitalisierung
  • Berufliche Bildung und Fachkräfte

Besonders interessante Geschäftsmodelle

  • Liefergeschäfte mit Aufbau von Service und Wartung vor Ort
  • Lokale Produktion, Montage und Zulieferstrukturen
  • Joint Ventures mit syrischen Partnerunternehmen
  • Ausbildungs- und Qualifizierungspartnerschaften
  • PPP‑Modelle und Beteiligung an Projekten multilateraler Entwicklungsbanken
  • Schrittweiser Einstieg über Pilotprojekte, Demonstrationsanlagen und internationale Ausschreibungen

Der InfoDesk Syrien unterstützt Unternehmen dabei, die passenden Instrumente zu identifizieren, Ausschreibungen besser zu verstehen und geeignete Partner für den Markteinstieg zu finden.

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